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Çiğköftem, umweltfreundliches Fastfood… aus Versehen

ÜBERSETZT VON MARIE TERRIER UND ELENA PINKWART

Und was wäre, wenn die Abnahme des Fleischkonsums durch ein Schnellrestaurant kommen würde? Das ist was Çiğköftem, eine vegane Fastfod-Kette, die 1993 gegründet wurde, uns glauben lassen kann. Heute ist es eins der wichtigsten Schnellrestaurants in der Turkei und zunehmend in ganz Europa. Reportage.

In den Straßen von Istanbul gibt es so viele Çiğköftem-Restaurants wie McDonald’s oder andere Fastfood-Imbisse. Auf der Speisekarte stehen viele Menüs mit çiğ köfte – Bulgur-Frikadellen – und Rohkost. Ciğ köfte ist ein traditionelles türkisches Gericht, in dem rohes Hackfleisch mit  Bulgur vermischt wird. Aber hier steht „vegane” auf der Vitrine. Während der Küchenchef dDrüm ausrollt – eine Art dünnem Fladenbrot – erzählt er: „Zu Hause koche ich immer mit Fleisch. Aber es ist rohes Fleisch und wir können das in  einem Schnellrestaurant nicht servieren”. Hygienevorschrift.

Çiğ köfte mit Rohkost und Dürüm serviert. Bildnachweis: cigkoftem.com

„Veganer ohne das Klischee des Körneressers“

Hippolyte ist Veganer und isst regelmäßig bei Çiğköftem. „Bei Çiğköftem mag ich gern, dass wir vegan essen können ohne das Klischee des Körneressers zu haben. Es ist besser und billiger als andere Fastfood-Ketten.” Für ihn ist die Priorität dieReduzierung des Fleischkonsums. Ohne radikale Veränderung, „werden wir 2050 die 9 Milliarden Menschen  nicht ernähren können.”

Es stimmt, dass die Zahlen der Viehzucht dramatisch sind. Censoglobe zufolge werden für ein Kilo Rindfleisch zwischen 30 000 und 60 000 Liter benötigt. Die FAO (Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) betont, dass die Tierzucht eine höhere Treibhausgasemission hat als der Transportsektor. Auch wenn man diese Werte relativieren kann, weil der Tier- und Fleischtransport in der Zahl eingeschlossen ist, halten  andere Forschungen die Zahlen für  zu gering. Greenpeace versucht zu warnen: für die NGO ist Rindfleisch für 80% der Zerstörung des Amazonas verantwortlich.

Çiğköftem ist aber weit entfernt von diesen ökologischen und ethischen „Kämpfen”. Die Marke scheint es mit ihrem veganen Image zu übertreiben. Ausgenommen der kompostierbaren Verpackungen ist die Nahrung weder biologisch noch lokal. Es entspricht gewiss nicht dem Ideal des Veganers, der diese Lebensweise gewählt hat um seine Umweltauswirkung zu reduzieren. Es gibt auch kein Label für „Fairen Handel“.

„Die pflanzliche Nahrung demokratisieren“

Hippolyte ist sich dem Green-Washing der Marke im Klaren. „Veganismus ist nicht alles. Ein Veganer sein heißt keine Tierprodukte zu konsumieren. Strenggenommen kann Gemüse mit Schädlingsbekämpfungsmitteln behandelt werden und ist trotzdem nicht weniger vegan. Ein weiteres Beispiel: Palmöl, für welches wir den Urwald in Indonesien und Malaysia zerstören. Es ist ein pflanzliches Öl, deshalb vegan. Veganismus darf nicht die Nahversorgung ersetzen, sondern soll sie vervollständigen. Für mich ist bei Çiğköftem essen  kein „ethischer” Verbrauch.”

Auch wenn er beurteilt, dass es „sehr kompliziert ist, vegane Nahrung außer Haus zu essen”, will er optimistisch sein. „Mehr Çiğköftem zu öffnen wäre eine Chance, pflanzliche Nahrung zu demokratisieren und folglich das Verhalten der Verbrauchern zu ändern. Die Umweltauswirkung eines Menüs bei Çiğköftem bleibt deutlich unter die Umweltauswirkung eines Menüs bei Burger King.” Wenn die Kette nicht revolutionär ist, gibt sie doch Hoffnung auf eine schrittweise Veränderung des Systems von innen.

Die Öffnung zu einem neuen Verbraucherverhalten

In dieser strategischen Öffnung, überlegte Hippolyte Aktionär der Firma zu werden. „Meine Vision ist eine Welt in der es neben jedem McDonald’s einen Çiğköftem gibt.” Sein Problem: Çiğköftem ist noch nicht an der Börse. Was er bei McDonald’s anprangert ist, dass die Marke das Symbol des übermassigen Fleischkonsums ist. Jeden Tag bedient McDonald’s circa 69 000 000 Kunden, fast 1% der Weltbevölkerung. „Das ist klar nicht vertretbar“, warnt der junge Mann. „Wir können der Bevölkerung nicht verbieten in Fastfood-Restaurants zu essen, daher müssen wir weniger schädliche Abhilfe für den Planeten vorschlagen.”

Seit 1993 ist die Marke in viele Europäische Ländern angesiedelt. Nach der Öffnung des Istanbuler Hauptsitzes wurde ein zweiter in Deutschland eröffnet. Veganismus wird ein Business wie die anderen. Çiğköftem trägt mit dieser Öffnung zu einem neuen Verbraucherverhalten bei, selbst wenn das Finanzielle überwiegt.

Banner Foto: Ein Restaurant von Çiğköftem. Bildnachweis: cigkoftem.com

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