Kolumbien: Schwierige Verwaltung des venezolanischen Flüchtlingsstroms

ÜBERSETZT VON THERESA JOLLET UND KORRIGIERT VON ELENA PINKWART

Seit mehreren Jahren sieht sich Kolumbien mit einem massiven Zustrom von Venezolanern konfrontiert, die vor der politischen und wirtschaftlichen Krise in ihrem Land fliehen. Seit April 2017 hat sich das Phänomen durch die zunehmend autoritäre Staatsform, in die die Regierung Nicolas Maduros abdriftet, verstärkt. Es sind hunderte Flüchtlinge, die jeden Tag in den Städten Kolumbiens ankommen. Reportage aus Barranquilla.

Die kolumbianische Regierung hat die Aufnahme der venezolanischen Flüchtlinge, die größtenteils auf der Suche nach Arbeit, medizinischer Versorgung und Lebensmitteln sind, als eine ihrer Prioritäten festgelegt. Die Internet-Startseite der kolumbianischen Migrationsbehörde Migración Colombia [Migration Kolumbien, Anm. d. Übers.] bietet Venezolanern, die in kolumbianisches Staatsgebiet einreisen möchten, Informationen. Sie gibt Auskunft über gesetzliche Regelungen und über für die Einreise nach Kolumbien notwendige Schritte. Am 28. Juli 2017 hat Kolumbien einen „permiso especial de permanencia“ [„besondere Aufenthaltserlaubnis“, Anm. d. Übers.] eingerichtet, der ausschließlich für venezolanische Staatsbürger bestimmt ist und ihnen erlaubt, nach Ablauf der regulären 90 Tage Aufenthaltsrecht auf kolumbianischem Staatsgebiet zu bleiben. Davon haben, einer auf der Internetseite von Migración Colombia verfügbaren Grafik zufolge, seit Einrichtung bereits über 50.000 Venezolaner profitiert.

Crédit Migracion Colombia.

Fotonachweis: Migración Colombia.

Diese Anwandlungen seitens der Regierung, die Situation zu kontrollieren, scheinen nicht auszureichen. Nach wie vor der Seite von Migración Colombia zufolge, halten sich fast 140.000 der im Jahr 2017 eingereisten venezolanischen Staatsbürger ohne Aufenthaltserlaubnis in Kolumbien auf. Dies bringt zahlreiche Probleme mit sich, besonders in den Grenzstädten, beispielsweise in der Stadt Cúcuta, die heute vom Schmuggel aus dem Nachbarland lebt. Es ist einer der wichtigsten Grenzübergänge von Venezuela nach Kolumbien. Einer der wichtigsten, aber nicht der einzige. Die 2200 Kilometer lange Grenze zwischen den beiden Ländern bietet den Schmugglern viele Möglichkeiten.

Komplikationen vor Ort

Vor den Migrationsbehörden der am stärksten betroffenen Städte bilden sich mehrere Stunden lange Warteschlangen. Dazu zählen die Städte im Norden des Landes wie Barranquilla oder dem noch näher an der Grenze gelegenen Maicao. Eine große Mehrheit der Flüchtlinge versucht ihre Situation zu legalisieren, was ihnen ermöglichen würde, medizinische Versorgung zu erhalten und Arbeit zu finden. Die Redaktion hat den Professor für Recht, Javier Enrique Tous, Experte für Menschenrechte, befragt. Er erklärt, dass „es Situationen gibt, in denen schwangere Frauen mehrere Stunden in der Sonne warten, um mit einem Mitarbeiter der Migrationsbehörde sprechen zu können“.

Der Empfang der Venezolaner durch die kolumbianische Bevölkerung ist gleichermaßen gespalten: „es besteht eine Form der Konkurrenz, die sich zwischen Kolumbianern und Venezolanern in der Arbeitssuche entwickelt“, sagt Javier Tous. In Städten wie Cúcuta, in denen die Arbeitslosenquote hoch ist, aber auch in Städten wie Barranquilla, wo die Flüchtlinge jeden Tag zu hunderten eintreffen, tobt dieser „Wettbewerb“. Ein großer Teil der Venezolaner akzeptiert Arbeiten, die weit unter dem kolumbianischen Mindestlohn bezahlt werden, der heute bei 737 717 kolumbianischen Peso liegt, umgerechnet etwa 211 Euro. Dies erschwert oft die Integration der Flüchtlinge in den Aufnahmestädten.

Manche Vereine sind jedoch aktiv gewordenund helfen den Venezolanern, die sich in extremen Notsituationen befinden dabei sich in Kolumbien zurechtzufinden und zu organisieren. Dies ist vor allem der Fall bei der gemeinnützigen Einrichtung Asovenezuela, die versucht, Lebens- und Integrationsbedingungen der in kolumbianisches Staatsgebiet einreisenden Flüchtlinge zu verbessern. In gleicher Weise haben sich in Barranquilla Bürger unter dem Namen „Venequilleros“, Wortmischung aus „Venezolaner“ und „Barranquilleros“, zu einer Art Aktionsgemeinschaft zusammengeschlossen. Sie haben insbesondere am 16. Juli letzten Jahres eine Volksbefragung organisiert, um die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung abzulehnen, die Ende Juli in Venezuela stattfand und einen der kritischsten Punkte dieser politischen Krise darstellte.

Neue Lösungen in Betracht gezogen

Christian Krüger Sarmiento, Generaldirektor der Migración Colombia, hat in einer Pressemitteilung vom 30. August 2017 die Möglichkeit erwähnt, als letztes Mittel „Flüchtlingslager“ einzurichten, um sich der Ankunft der Venezolaner anzunehmen. Diese Maßnahme ist als „Übergangslösung“ zu betrachten, die die anschließende Integration der Venezolaner in die kolumbianische Gesellschaft ermöglichen soll. „Wir können die Situation, in der sich momentan tausende Venezolaner befinden, nicht ignorieren. Im Gegenteil sind wir dazu aufgerufen, unseren venezolanischen Brüdern die Hand zu reichen“, fügt er hinzu.

Bannerfoto: auf diesem Bild der Bucht des Maracaibo-Sees erkennt man eine lange dunkle Linie von Gebirgsketten und Wäldern. Es handelt sich um die Grenze zwischen Venezuela (oben im Bild) und Kolumbien (unten). Fotonachweis: Stuart Rankin

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