Gabunische Märchen, eine althergebrachte Tradition

ÜBERSETZT VON SERVANE JARDIN-BLICQ UND ELENA PINKWART

Mit seinen zahlreichen Ethnien ist Gabun ein vielfältiges Land. Von Stamm zu Stamm gibt es trotz verschiedener Sprachen ein wiederkehrendes Element: von Erzählungen rund ums Lagerfeuer in den Dörfern bis zur Bibliothek von Libreville spiegeln gabunischen Märchen die Werte des Landes wider und bilden die Identität seiner Bevölkerung.

Personifizierte Tiere, manchmal Waldgeister, hin und wieder Menschen. Die Hauptfiguren in gabunischen Märchen haben unterschiedliche Formen, aber sie vermitteln immer moralische Werte.

Die Bezeichnung „gabunischen Märchen“ existiert erst seit ungefähr 50 Jahren. Damals entschied der Priester André Raponda-Walker, durch das Land zu reisen und diese Geschichten niederzuschreiben. Sie wurden sonst fast nur mündlich überliefert. Dank seiner Kenntnisse der verschiedenen lokalen Sprachen war es im möglich in seinem Sammelband Contes gabonais dutzende Geschichten zusammenzutragen. In Länge und Stil können sie variieren, aber am Ende gibt es in jeder moralische Aspekte und Werte.

Die Praxis weiterentwickeln, um sie zu behalten

Yannick hat eine gemischte ethnische Herkunft und hat einen Großteil seiner Jugend in Libreville verbracht. Heute möchte er Zeichner werden. Sein Projekt ist es, diese alten Märchen ins Comicformat zu übertragen; der Wille zur Modernisierung, um die Weiterentwicklung der Tradition zu ermöglichen. „Die Hauptstadt verändert sich und gleicht sich dem Rest der Welt an. Noch ist das Leben auf dem Land nicht betroffen, aber die Praktiken beginnen sich zu verändern“ analysiert er. Früher erzählten die Älteren abends den Jüngeren die Geschichten, wenn sie in den Dörfern um das Feuer saßen. Heute machen sie das fast nur noch zu besonderen Anlässen. „Es ist wichtig, dieses Erbe zu schützen. Die Geschichten spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklung junger Gabuner. Die Welt verändert sich und wir müssen die Märchen anpassen, damit sie mit dieser Veränderung nicht verschwinden“, sagt der Zeichner.

Yannick lisant Contes gabonais, d'André Raponda-Walker. Crédit Alexis Demoment.

Yannick liest Contes gabonais von André Raponda-Walker. Bildnachweis: Alexis Demoment.

In den Märchen sind die Charakterzüge der Figuren oft übertrieben. Am Ende der Geschichte steht sehr häufig der Sieg der Schwachen über die Starken durch Geschick und Solidarität. „Die Idee ist es, den Kindern zu zeigen, dass das Verhältnis zwischen Starken und Schwachen nicht festgelegt ist. Je nach Situation kann sich das Verhältnis umkehren“, sagt Yannick. Wenn wir ihn nach seinem Lieblingsmärchen fragen, antwortet er erst nach einigem Zögern: „Der Panther und das Chamäleon“. Die Handlung ist einfach: mit Hilfe seiner Familie und seiner ausgeklügelten Tarnung gelingt es dem Chamäleon, ein Rennen gegen den Panther, einem der schnellsten Tiere im Wald, zu gewinnen. Die Symbolik ist besonders stark, da das nationale Emblem Gabuns der Panther ist.

Bar oder Kirche

Es gibt ähnliche Märchen mit anderen Figuren in dem Buch. André Raponda-Walker hat dabei die Spezifitäten der vielfältigen Ethnien beibehalten. „Er hat die Geschichten nur aufgeschrieben. Es überlässt es den Lesern, die Ähnlichkeiten oder Unähnlichkeiten zwischen den Geschichten der verschiedenen Stämme zu finden”, sagt Yannick. „Er hat sogar Lautmalerei mit einbezogen. Ein Fremder, der diese Geschichten liest, würde gar nichts verstehen. Aber für einen Gabuner kommt es aus seiner mündlichen Tradition. Es spiegelt unsere täglichen Gespräche wider.“ Das Werk ist eine kolossale Arbeit, die ein paar Jahre nach der Unabhängigkeit entstanden ist. Bei der Versammlung der verschiedenen Völker des Landes, die trotz kultureller und geographischer Nähe weit voneinander isoliert sind, spielte das Buch auch eine Rolle. Die Märchen stellen eine doppelte Herausforderung dar: einerseits die Aufwertung von jeder einzelnen der verschiedenen gabunischen Kulturen, andererseits die Entwicklung einer Identität für die gesamte Bevölkerung Gabuns.

Die Märchen haben oft einen komischen Aspekt, sind dabei aber viel mehr als nur lustig. Durch das Spielerische wird die Zugehörigkeit zu einen Stamm und damit zu seinen Werten weitervermittelt. Heute besuchen die meisten Kinder die Schule, was den Platz des Märchens in der Gesellschaft verändert hat. Wenn sie nicht mehr so zentral sind, stellt sich die Frage nach ihrer Aufwertung innerhalb der Schulbildung. „In Gabun besuchen die meisten Jugendlichen nur zwei Orte: die Kirche oder eine Bar.“ Mit diesen Worten will Yannik nicht über die Jugend urteilen, aber er weigert sich, die gesamte Verantwortung auf den Kontext der Instabilität zurückzuführen. Seiner Meinung nach muss jeder sich Mühe geben: politische Instanzen  genauso wie die Zivilgesellschaft.

Nur eine Bibliothek in Libreville

„Kultur existiert, aber sie ist kaum verfügbar. Es gibt bloß eine einzige Bibliothek in Libreville“, beklagt er. Mit seinem Verein AGLE (Verein von Gabunern in Lyon und Umgebung) hat er die Idee gehabt, den Zugang zu Bücher in der Hauptstadt zu fördern. Er wartet nun, dass die Spannungen, die seit Sommer andauern, vorbeigehen, damit er nach Gabun zurückgehen kann. Als jemand der aus der Stadt stammt, würde er gerne „die Chance haben, in die Dörfer zu reisen“, um noch tiefer in diese Kultur einzutauchen. Die Zukunft seines Landes sieht er optimistisch. „Es ist eine junge Nation. Andere haben Jahrhunderte der Instabilität erlebt. Ich glaube jedoch nicht, dass Gabun Jahrhunderte braucht, um die Spannungen zu überwinden.“ Für ihn stehen Bildung und Identität im Mittelpunkt der nationalen Fragen. Märchen zu erzählen, ist zum Kampf für den Frieden geworden.

Bildnachweis Bannerfoto: Alexis Demoment.

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