Campus de La Sapienza, Rome. Crédit Marion Huguet.

Italien: alles aufgeben zum Studieren

ÜBERSETZT VON ELENA PINKWART UND ADINA HEIDENREICH

Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien sind bekannt. Das italienische Bildungssystem bricht diese „Regel“ nicht. Le Journal International hat sich mit vier Studierenden unterhalten, die für die Fortsetzung ihres Studiums ihre Heimat in Kalabrien und Apulien verlassen mussten.

Italien ist seit der Krise von 2008 geschwächt. Dies hat große ökonomische Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden des Landes hervorgerufen. Flucht der Jugend, ein geschwächter öffentlicher Sektor und Entwicklungsstau sind die wesentlichen Probleme der südlichen Regionen. Marinella, Giada, Oscar und Dario haben zugestimmt, mit uns über ihre Stimmungen bezüglich der Mängel im höheren Bildungsbereich in ihrem Mezzogiorno zu sprechen. So ergab sich die Möglichkeit, den Riss, der durchs Land geht, anders zu verstehen als durch wirtschaftliche Aspekte und die Arbeitslosenquote. Über einen Punkt sind sich die vier Studierenden einig: jemand, der im Süden geboren ist, hat nicht dieselben Möglichkeiten zu studieren oder eine Arbeit zu finden wie im Norden. Diese Feststellung ist Ausdruck des „Italiens der zwei Geschwindigkeiten“, eine Bezeichnung, die häufig gebraucht wird, um die Kluft in allen Sektoren in den italienischen Regionen zur beschreiben.

Für Giadia, Studentin der Chirurgie an der Universität La Sapienza, ist der Süden der Teil des Stiefels, der historisch gesehen schon immer am meisten benachteiligt war. Nach dem Ende des Königreichs Italien konzentrierten sich die staatlichen Mittel auf den Norden. Der Süden wurde lediglich als Lieferant der primären Ressourcen benutzt. Marinella, Studentin der Religionsgeschichte in Rom, ergänzt, dass zu dieser Verarmung noch die Korruption der süditalienischen politischen Klasse hinzukam.

Campus de La Sapienza, Rome. Crédit Marion Huguet.

Campus der Universität La Sapienza, Rom. Bildnachweis: Marion Huguet.

Hochschulbildung in der Krise

Es gibt Studienfächer, die in den südlichen Regionen nicht angeboten werden. Das zeigt das Beispiel von Dario, der Chirurgie studiert. In der Provinz Lecce, aus der er stammt, gibt es keine medizinische Fakultät. Er musste also seine Koffer packen und zum Studieren nach Rom ziehen. Giada bemängelt, dass der Großteil der besten privaten Universitäten sich im Norden befindet. Im Gegensatz dazu befinden sich die öffentlichen Universitäten, die mit der mangelnden Finanzierung kämpfen, vor allem im Süden.

Für Oscar, Student der Archäologie des Orients, liegt der Unterschied zwischen den Regionen auf die Universitäten bezogen in der Quantität. Es ist nicht die Qualität der Ausbildung, die die jungen Leute dazu bewegt, woanders zu studieren, sondern das breitere Angebot an Studienfächern im Norden. Marinella unterstreicht noch die Rolle des italienischen Staates für die Schwächung der öffentlichen Hochschulbildung. Seit vielen Jahren hat die Regierung im Bildungsbereich Mittel gekürzt. Lediglich die großen historischen italienischen Universitäten haben einen Teil ihrer Subventionen und ihres Budgets behalten. Etwa die La Sapienza in Rom oder die Universität von Bologna.

„Rom hat ein praktisch unendliches Potenzial“

Rom ist zum Studieren sehr attraktiv, da es drei große staatliche Universitäten und eine Vielzahl an privaten hat. Das Angebot an Studienfächern ist demnach sehr groß. Oscar findet, dass das kein Zufall ist. Die Stadt bietet eine Menge an Aktivitäten: große Veranstaltungen und Tagungen, die Professoren und Studierende aus der ganzen Welt zusammenführen.

Rome. Crédit Marion Huguet.

Rom. Bildnachweis: Marion Huguet.

Die Vier studieren an der La Sapienza, eine der prestigereichsten Universitäten des Landes, in vielen Forschungsbereichen europaweit bekannt. „Rom hat ein praktisch unendliches Potenzial“, findet Dario und das zieht die Studierenden an.

Die Studienkosten, wesentliches Hindernis für die süditalienische Jugend

Die größte Hürde für die jungen Menschen aus den südlichen Gebieten sind die Lebenskosten, die im Norden deutlich höher liegen. Für Giada war das ein reelles Problem, als es darum ging ihr Studium fortzusetzen. Die Mietpreise sind sehr hoch, besonders in der Hauptstadt. Giada verweist auf die schwierigen Lebensumstände in den Provinzen und Vororten. Viele ihrer Freunde konnten ihr Studium nicht fortsetzen. „So gesehen, bin ich privilegiert“, vertraut sie uns an.

Für Oscar und Marinella sind Stipendien unentbehrlich. Ohne diese Hilfe von außen hätten sie nicht umziehen können. Die Studierenden aus dem Süden müssen Nebenjobs anhäufen und studieren weit weg von ihrer Familie. Die jungen Menschen aus der Stiefelspitze sind demnach einer gewissen Prekarität ausgesetzt. Das zwingt sie dazu, Wege der Anpassung zu finden. Oscar versichert jedoch, dass „mit ein wenig Motivation und Hartnäckigkeit heute immer noch alles möglich ist“.

 

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