Crédit Lily Cornaërt.

Leipzig und die Schrebergärten – der Garten auf Deutsch

ÜBERSETZT VON CLAUDIA OPPONG PEPRAH UND ADINA HEIDENREICH

In Leipzig wurden im Zeitalter der Industrialisierung die „Schrebergärten“ geboren. Diese Arbeitergärten sind 150 Jahre später das Abbild neuer ethischer und umweltspezifischer Anliegen.

Leipzig ist eine grüne Stadt. Es ist eine Stadt mit Seen, Parks und Wasserläufen, aber auch die Stadt der „Jardins de Schreber“, der Schrebergärten, „Arbeitergärten“ oder „Familiengärten“. Diese individuellen Parzellen sind in riesige Kolonien von Gärten gruppiert und mit Zäunen voneinander getrennt. Heute gibt es 39.000 in Leipzig, wo das Phänomen im Jahre 1864 entstand. Die Gärten – zu Ehren des Mediziners Moritz Schreber nach ihm benannt – bieten den Arbeitern eine der Muße gewidmete Grünzone, abseits von Behausung und Fabrik.

Die Tradition hat sich eingebürgert und in ganz Deutschland ausgebreitet. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind die Gärten nicht mehr weg zu denken. Während der beiden Weltkriege dienen sie den Familien dazu, einen Teil ihres Nahrungsmittelbedarfes zu decken. In Ostdeutschland bieten die Gärten den Städtern Freiraum und Privatleben. Man versucht, in ihnen der Überwachung des kollektiven Staates zu entfliehen.

Die Gartenkolonien sind im Besitz der Städte und Gemeinden und werden von lokalen Verbänden verwaltet. Jeder soll das Recht auf diesen Freiraum haben. Aus diesem Grund werden die Gärten verpachtet und stehen nicht zum Verkauf. Die Pächter bezahlen im Jahr nicht mehr als hundert Euro dafür. Die Besitzer sind hauptsächlich Rentner. Es pachten aber heutzutage auch immer mehr junge Familien und Studenten-WGs einen Garten.

„Ein Ort, an dem man ein Lagerfeuer machen oder sich in der Hängematte entspannen kann“

Die Schrebergärten dienen ihren Besitzern heute dazu, auch in der Stadt eine Verbindung zur Natur herzustellen. Vor einigen Monaten entschloss sich Jan Bellgardt, 31 Jahre, Doktorand der Politischen Wissenschaften an der Universität Leipzig, zusammen mit drei Freunden einen Garten im Süden der Stadt, in der Nähe ihrer Wohnung, zu pachten. Als sie anfingen, lag der Boden brach. Heute ist es ein Garten mit Gemüse, ein paar Obstbäumen und Blumenbeeten. „Ich wollte, dass wir eine Grünfläche haben, inmitten der Stadt. Einen Ort, an dem man ein Lagerfeuer machen oder sich in der Hängematte entspannen kann“.

Fotocredit Lily Cornaërt.

Jan und seine Freunde bauen sich ihr biologisches Obst und Gemüse des täglichen Bedarfs selbst an. Ihre Gartenkolonie liegt direkt neben einem Fluss, der quer durch die Stadt führt und so die Viertel Connewitz und Plagwitz voneinander teilt. Sie hat 900 Parzellen. Den Garten zu haben bedeutet für Jan, der Natur sehr viel näher zu sein. „Ich kann den Wechsel der Jahreszeiten miterleben. Das hilft mir, zur Natur zurückzufinden und Umwelt- und Ernährungsfragen zu überdenken.“

„Abstand zur Stadt”

Stefan Purr, 30 Jahre, Arzt, hatte seinen Garten drei Jahre lang, weil er Lust auf mehr Platz hatte. Während des Studiums diente ihm der Garten als Atelier für seine Holzskulpturen. Später hat er gelernt, den Boden zu bearbeiten und einen Gemüsegarten angelegt. Gleichzeitig hat er einen Teil des Gartens den Bäumen und dem Holz vorbehalten. Die meiste Zeit des Jahres lebte er mehr oder weniger illegal in der Gartenhütte. „Es wurde mir erlaubt, dort zu übernachten, nicht aber dort zu wohnen.“ Die wirklich sehr niedrige Pacht ist nicht der einzige Vorteil. „Natürlich ist es nicht besonders teuer, aber ich hatte auch Lust, in meinem Garten zu wohnen. Es sorgte für Abstand zur Stadt und war ein angenehmer Ort.“

Passend zu den baugleichen Zäunen, die jede Parzelle von denen ihrer Nachbarn trennt, werden die Gartenkolonien in Wirklichkeit stark kontrolliert. Jede Kolonie wird von einem Verein verwaltet und ist damit seinen Vorschriften unterstellt. Jeder Verein organisiert regelmäßige Versammlungen und so ist in einigen Kolonien die Höhe der Hecke bzw. des Zauns, die Farbe der Hütte oder sogar die Art der Bepflanzung vorgeschrieben. 1951 wurde ein Wettbewerb auf nationaler Ebene ausgerufen: Die deutsche Meisterschaft der Kleingärtnervereine. Damit wurde der schönsten Garten Deutschlands prämiert. 1983 wurde von der Regierung das Bundeskleingartengesetz in Kraft gesetzt, ein bundesweites Gesetz zur Regelung der Familiengärten.

Die Freiheit, von Zäunen eingegrenzt

Diese strikten Vorschriften können von den Pächtern als wahre Bürde empfunden werden. Sie können zu Konflikten führen. Gelegentlich ist es das Gefühl des Überwachtwerdens, das  unter Nachbarn zum Problem wird. „Unsere Nachbarn waren ziemlich skeptisch, die jungen Leute zu sehen, als wir den verwahrlosten Garten übernahmen,“ erklärt Jan. „Sie haben viele Leute kommen und gehen sehen, ohne dass sich die Parzelle nennenswert verbessert hat. Aber seit sie gesehen haben, dass wir uns ernsthaft um den Garten kümmern wollen, waren sie plötzlich sehr sympathisch und haben uns geholfen.“

Die Gartenkolonien versuchen in der Regel das Gemeinschaftsgefühl zu fördern, organisieren sie doch Veranstaltungen und Zusammentreffen unter Nachbarn. Diese Gärten sind Bürgen einer deutschen Tradition, bei der sich die Liebe zur Natur mit dem Vereinsleben kreuzt. Diese Tradition reflektiert aber auch zeitgenössische Anliegen.

Bildnachweis Banner: Lily Cornaërt.

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