Die Flächenbrände in Amazonien – ein Mittel, Brasilien zu bevormunden?

Übersetzt von Claudia Oppong Peprah / Revisor: Guéric Cardet

Im August sah sich der amazonische Regenwald spektakulären Waldbränden ausgesetzt, die auf den Rang einer internationale Krise geschnellt sind. Das Problem wurde nämlich als eines der Hauptabstimmungsthemen auf die Tagesordnung des Gipfels der G7 gesetzt, der unter Führung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Biarritz stattfand.

Die Thematik wurde von der Medienberichterstattung aufgegriffen, indem man, entgegen der institutionellen Sichtweise, eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Aspekten präsentierte: „Unser Haus brennt.“ „Der Amazonas, die Lunge des Planeten […]“ oder sogar „Wir sind Amazonier.“ Die ersten beiden Aussagen führen, Dank der Nähe und der Allgemeingültigkeit der Bilder, die sie verwenden, eine Darstellung herbei, die uns zu Herzen geht. Ziel ist es, angesichts der Situation, unsere Empörung hervorzurufen, und die Leser dazu zu bringen, sich der Sache anzuschließen – aber welcher Sache? Letztere hat die Absicht, die politischen Worte zu legitimieren, indem sie strategisch eine geografische Annäherung herbeiführt.

Wir sind Amazonier.“ Die an Brasilien angrenzende französische Überseeregion, Guyana, ist durch und durch französisches Staatsgebiet. Man muss dabei immer mitbedenken, dass seine Entstehung dem Rhythmus der Kolonialzeit und der Goldsuche folgte, die die westliche Gesellschaft des 16. Jahrhunderts berauschte. Wenn die Menschen des 16. Jahrhunderts vom Gold träumten, so hat die Eroberung der Neuen Welt zu regelrechten Ausschweifungen geführt.

Emmanuel Macron hat 2018 ein Goldförderprojekt mit der Bezeichnung La Montagne d’or [Der Goldberg, Anm.d.Red.] eines russisch-kanadischen Konsortiums thematisiert. Eine Anlage zur Goldförderung, die bereits seit Mitte des 16. Jahrhunderts bestens bekannt ist (in Anlehnung an einen Berg, der Gold im Überfluss produzieren kann) und bei deren Platzierung der „Elyseepalast“ der Mienengesellschaft gegenüber klein beigegeben hatte. Derzeit ruht das Projekt wegen Missachtung von Umweltauflagen und man wartet indessen auf die Reform des Bergbaugesetzes. Gleichzeitig steigt aber die Anzahl der Exklusivrechte für die Goldförderung auf guyanischem Gebiet von Jahr zu Jahr ununterbrochen weiter an.

Nichtsdestotrotz scheint die Goldförderung keine nachhaltigen Lösungen gegen die hohe Arbeitslosenquote zu bringen, die sich 2019 um die 19% bewegt. Folglich wird, gleichermaßen wie die Gewinnung von Baumwolle oder Zuckerrohr in Afrika, der Goldabbau in Südamerika durch das koloniale Erbe und die eigenstaatliche Dynamik bei der Verwertung der natürlichen Rohstoffe legitimiert.

In ihrem Bericht L’or en Guyane : éclats et artifices (Gold in Guyana: Glanzstunden und Rückschläge) beschreibt die frühere Justizministerin Christiane Taubira die guyanische Wirtschaft als „Selbstbedienungsladen“. Einige Medien beziehen sich gleichermaßen auf eine „Wirtschaft, die am Tropf hängt“. Alles in allem, ein Land, dessen Verwaltung immer ein bisschen „wackelig“ war. Da Frankreich die Staatshoheit über das [Nachbar-, Anm.d.Red.] Land hat, ist es für die Franzosen schwierig, sich als Amazonier zu sehen, nachdem sie nicht wirklich der gleichen Kultur angehören.

Kommen wir nun zu den Flächenbränden im Amazonas-Gebiet. Das nationale brasilianische Weltraumforschungsinstitut (INPE) hat eine Grafik angefertigt, die das Ausmaß der legalen Brände in Amazonien seit 1998 mit der Zahl der aktiven Brandherde darstellt. Man kann mehrere Spitzenwerte erkennen, wobei diese ab 2019 zunehmen. Neueste Statistiken zeigen, dass die Jahre 2007 und 2010 im August jeweils mehr als 90.000 Brandausbrüche verzeichnen, im Gegensatz zu etwas mehr als 50.000 in 2019. Trotz der angestrengten Bemühungen der vorherigen Regierungen, ging die Brandrodung unter Bolsonaro wieder nach oben. Das erklärt das Wiederaufflammen der Feuer in 2019. Ein Kausalzusammenhang, der vom nationalen Umweltforschungsinstitut von Amazonien veranschaulicht wurde und bestätigt, dass die [von den Feuern, Anm.d.Red] meistbetroffenen Kommunen auch am meisten unter der Entwaldung leiden. In der Tat bestätigen manche Wissenschaftler, dass die Rodung im Juli viermal höher war als der Durchschnitt der letzten drei Jahre zusammen.

Trotz der beunruhigenden Statistiken ist es aber die fanatische Art der Medienberichterstattung, die uns in diesem Artikel interessiert. Um dieses Phänomen und die Übermittlung bestimmter Weltanschauungen zu verdeutlichen, nehmen wir als Anhaltspunkt die Häufigkeit, mit der die Presseartikel im Jahr veröffentlicht werden. Wenn man z. B. Le Monde als Bezug nimmt, kann man, mit bestimmten Schlüsselwörtern, mit der Suchmaschine „Europresse“ die Archive nach der Anzahl der Veröffentlichungen durchsuchen.

                                                         

Es ist also möglich, in 2019 einen deutlichen Anstieg an Veröffentlichungen zu diesem Thema festzustellen. Das passt zu der Aussage, dass das Thema in den Medien im Vergleich zu den Vorjahren übermäßig oft behandelt werde. Einerseits beweist dieser Trend gewissermaßen, dass man sich der ökologischen Krise und der Fragen, die damit verbunden sind, bewusst wird. Andererseits deckt es aber auch die Instrumentalisierung des Themas auf. Warum sprechen wir eigentlich nur von den diesjährigen Bränden Amazoniens und nicht von denen der Jahre davor?

Wenn man das Jahr 2019 Monat für Monat analysiert, erhält man eine weitere Grafik, die die Medienberichterstattung im Zusammenhang mit dem Gipfel der G7 in Biarritz in den Vordergrund stellt.

                                               

Der Gipfel der G7 in Biarritz dauerte vom 24. bis 26. August. Am Donnerstag, den 22. August 2019, bekräftigte Emmanuel Macron wie viele andere über Twitter, dass „unser Haus brennt“. Der Höhepunkt für das unerwartete Medieninteresse an diesem Thema fiel zeitgleich mit den politischen Ereignissen zusammen. Die Umweltfragen, die die Brände in Amazonien aufwarfen, verschoben sich also quasi in den politischen Bereich. Es erfolgte eine Instrumentalisierung der Umweltprobleme, die sich zwischen den politischen Mächten der französischen und der brasilianischen Regierung manifestierte. Man muss dabei bedenken, dass ein politischer Diskurs keine Bagatelle ist. Dies ist unabdingbar, um das politische Engagement im Sinne der Agenda umzusetzen.

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Die Buschfeuer in Australien bieten die Möglichkeit, einen hervorragenden Vergleich zu ziehen. Die französische Regierung hat es gar hinausgezögert, zur Situation in Australien Stellung zu nehmen. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat jedoch nicht versäumt, am 2. Januar 2020 auf Twitter tadelnd darauf hinzuweisen. Am 5. Januar hat sich Emmanuel Macron schließlich in den sozialen Netzwerken dazu geäußert.

Diese kurze Demonstration zeigt, wie die Umweltprobleme zu einem wichtigen politischen Thema geworden sind. Auf diese Weise neigen sie dazu, in den Beziehungen zwischen den transnationalen politischen Mächten instrumentalisiert und manifestiert zu werden.

Letztendlich zeigt der ganze Hype um die Problematik der Waldbrände im Amazonas, dass die Franzosen gewillt sind, den Umweltgedanken zu legitimieren. Dies bietet den Rahmen, Mittel und Wege zu überdenken, wie die Umweltfragen anzugehen sind, ohne in das Ränkespiel der politischen Beziehungen zu geraten. Um es mit den Worten Malcom Ferdinands zu sagen, Wissenschaftler am CNRS [deutsch: Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung, Anm.d.Red.]: Es geht darum, Umweltschutz „entkolonisierter“ Art anzustreben. Man stellt daher die Frage nach einer Institution für die Umwelt zu Recht. In diesem Zusammenhang beklagen wir, welch geringes Maß an Selbstbestimmung und Mitspracherecht den Ureinwohnern zugebilligt wird. Wer könnte schließlich besser geeignet sein, über Umweltfragen zu sprechen, als diejenigen, die es in erster Linie betrifft?

Fotokredit : Victor Moriyama / Greenpeace

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