Diego Maradona – Ikone des Weltfußballs

 

Übersetzt von Claudia Oppong Peprah

Diego ist von uns gegangen. Am Mittwoch, den 25. November 2020, erlag Diego Armando Maradona mit sechzig Jahren in Argentinien einem Herzinfarkt. Wie die argentinische Tageszeitung Clarin auf ihrer Internetseite schrieb, ist der Verstorbene bereits eine Legende: « Murió Diego Armando Maradona y ya es leyenda ». Nachdem er den Tod jahrelang ausgedrippelt, ihn mit seinen Ausschweifungen verhöhnt, ihm zwischen Krankenhausaufenthalten mit dem weißen Puder eine lange Nase gezeigt hat und ihn narrte, so wie hunderte seiner Gegner auf der ganzen Welt zuvor.

Maradona ist einer von denen, deren Legende auf Erinnerungen basiert, Erzählungen, Mythen, die Geschichte seines Ruhmes aus Sicht derer, die ihn kannten, denn, wenn wir ehrlich sind, haben ihn viele, die ihn würdigen, nie wirklich live spielen sehen. Das ist es, was den Mythos ausmacht, die Fähigkeit, in Generationen um Generationen von Fußballfans solche Emotionen zu wecken, an seinem Tod Anteil zu nehmen, selbst wenn man sich sonst wenig für diesen Sport interessiert, mühelos diejenigen zu vereinen, die den Fußball lieben genauso wie die, die sich nur für Biografie begeistern.

Pelé hätte besser sein können als ich“ (Maradona in einem Interview mit der Rai, 1997)

In erster Linie ist er natürlich ein grandioser Champion, dem Ehre gebührt. Fußballgenie Diego Maradona hört nie auf, einer der Größten, für einige sogar der Größte zu sein. Drippeln mit extrem tiefem Schwerpunkt – eine Qual für die Abwehr – er konnte den Rhythmus der irrwitzigen Angriffsaktionen diktieren wie kein anderer. Kräftige Statur, außergewöhnliche Weitsicht und natürlich, von den Schenkeln bis zur Sohle seiner göttlichen Füße, Beine aus Gold! Ja, göttlich. Es hat etwas Mystisches, Maradona spielen zu sehen. Ein Gefühl der Allmacht, die plötzliche Beschleunigung, die extrem kurzen Stopps und Richtungswechsel, so abrupt, dass man meint, er könnte sich dabei das Kreuz brechen.

Seine Erfolgsstory begann in Argentinien, wo er im „Argentinos Juniors“, dem Fußballverein der Nachwuchstalente von Buenos Aires in der Nähe des Elendsviertels Villa Fiorito groß wurde. In diesen spektakulären Anfängen wurde er entdeckt und vom sagenumwobenen Club „Boca Junios“ angeheuert, wo der noch sehr junge Diego im Laufe einer legendären Saison die Tore nur so anhäufte. Anfang zwanzig zeigte sich sein Talent, das nicht länger warten wollte, vor den Augen seines Heimatlandes aus ihm hervorzubrechen.

In Barcelona, wo er Europa entdeckte, nutzte dem jungen Naturtalent die Begabung wenig, denn seine Kapriolen, seine Provokationen, sein lässiges Verhalten und seine Wutausbrüche sorgten dafür, die europäische Fußballwelt aufzurütteln, deren Verfechter nicht davor zurückschreckten, einem Künstler klar zu machen, dass es um mehr als nur um ein Spiel ging.


Aber nach Barcelona kam Neapel. Der teuflische Süden Italiens, ein unspektakulärer Club, ein Team wie für ihn gemacht: Diego war im gelobten Land angekommen, um Wunder zu wirken. Hier holte er – im Laufe der Wahnsinnssaison von 1986-1987 – den ersten Titel (der Serie A, Anm.d.Red.) in Neapels Vereinsgeschichte und schnappte ihn damit dem legendären Juventus Turin, geführt von Michel Platini, regelrecht vor der Nase weg. Eine 10 jagt die andere. In Neapel wurde er zur Legende, man vergötterte ihn und sein Tod löste einen unvorstellbaren Schock aus. Diego wurde angebetet wie ein Gott, sein Bild war auf den Mauern der Stadt und im Inneren der Häuser, gemalt, wie in der Kirche. Auch für ihn war sie eine Kirche, diese Stadt, deren tiefe Betroffenheit und überwältigende Hommage in einem Stadion zum Ausdruck kommt, das fortan seinen Namen trägt.

Es war die Weltmeisterschaft in Argentinien, mit der er es schaffte, die ganze Nation zu verzaubern, als er beim Viertelfinale gegen England, dem Mutterland des Fußballs, das bisher märchenhafteste aller Spiele ablieferte. Tor durch Handspiel, der „Hand Gottes“, über den großen Peter Shilton hinweg. Ein unglaublicher Slalom, gefolgt vom „Tor des Jahrhunderts“, trug dem eigentlich schwachen argentinischen Team Weltruhm ein. Eine Solovorstellung gegen Belgien. Ein Finale gegen die glorreiche Bundesrepublik. Und siehe da, Diegos Argentinien war ganz oben angekommen, auf dem Dach der Welt! Ein Kindertraum, wie er 1971 mit elf Jahren in der TV-Sendung „Sabados Circulares“ erklärt hatte: „Mein Traum ist es, eine Weltmeisterschaft zu bestreiten und sie zu gewinnen“.

Ich wollte zu meinem Entzug in die USA, aber Bill Clinton hat mir mit seinem Blechschädel die Einreise verweigert” (Maradona in der Zeitschrift Olé, 1999)

Wir könnten und wollten gern stundenlang so weiterschreiben, über dieses grandiose Ballgenie, und seine Eigenschaften preisen; die körperliche Geschicklichkeit, der Gang, stärker als ein Stier mit seidenen Füßen, die Fähigkeit, ein ganzes Team auf den Schultern zu tragen, immer noch fast unerreicht – in einer Zeit, in der die Talente in den Clubs weitaus verstreuter waren als heute.

Aber es wäre heuchlerisch, die Schattenseite zu verschweigen, die zwangsläufig unaufhaltsam im strahlenden Licht einer solchen Karriere heranwächst. Maradona ist insofern legendär, als dass er jedem seine eigene Schwachstelle vor Augen hält, die eines Mannes, der sich einsam fühlt, sich mit den falschen Leuten umgibt, sich in Drogen flüchtet. Seine Karriere wurde vom Kokain untergraben. Vor allem in den Jahren nach Neapel, direkt nach seinem Höhenflug, ging es rasend schnell bergab. In den 90ern musste er mehrere Male aussetzen, als Dopingkontrollen seinen illegalen Konsum aufdeckten. Sein Wechsel zu Sevilla war eine große Pleite und bei der Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1994 war er bereits ein verbrauchter Spieler, von den Exzessen zugrunde gerichtet und knapp davor, erneut suspendiert zu werden.

Was politische Ansichten und Beziehungen angeht, ging Maradona zwielichtige Verbindungen und dubiose Verpflichtungen ein. In Neapel stand er der Camorra sehr nahe und engagierte den brisanten Guillermo Coppola als Manager: Die Mafia gab ihm Schutz und versorgte ihn mit Kokain, zerstörte aber auch sein internationales Image und zeigte ihn als Mann in den Fängen einer kriminellen Organisation. Etwas weniger skandalös war der starke Hang zur politischen Linken, was sich in der engen Beziehung zu Fidel Castro ausdrückte, der ihm Kuba zeigte, wo der argentinische Spieler ein Zuhause fand, ein Gefühl des Wohlbefindens, Frauen, Schnee, und wo er dem Regime ein perfektes Werkzeug für Forderungen hinterließ, ein abschreckendes Beispiel in den USA und etliche ungewollte Kinder.

Das Leben von D10S (Kurzform für Dios und 10, seine Glückszahl) ist das eines Mannes, der unten, ganz weit unten angefangen und es nach ganz oben geschafft hat. Ein Ausnahmespieler, absolutes Idol für Generationen von Fußballfans auf der ganzen Welt und sicher auch bei Nicht-Fußballfans der Meistbekannte. Ein Mann der Exzesse in jederlei Hinsicht, Diego Armando Maradona mag sehr früh gestorben sein, aber wie er an seinem vierzigsten Geburtstag selbst schon sagte:

Die 40 Jahre, die ich jetzt gelebt habe, sind ihrer mindestens 70 wert. Mein Leben war immer ausgefüllt: ich bin aus Fiorito gekommen und habe es auf das Dach der Welt geschafft, nach ganz oben, an die Spitze des Ruhms. Aber als ich erst einmal oben war, musste ich mit der ganzen Scheiße alleine klarkommen.“ 

Titelbild: Foto von El Grafico, eine frühere monatliche Zeitschrift Argentiniens, veröffentlicht am 29. Juni 1986 (keine Rechte mehr vorbehalten (+ 25 Jahre))

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