[REPORTAGE] Femizide: ein Vergleich zwischen europäischen Ländern

Les féminicides constituent un réel problème de société aujourd’hui en France, mais qu’en est-il des autres pays européens comme l’Allemagne ou l’Espagne?

ÜBERSETZER: GUÉRIC CARDET – REVISORIN: CLAUDIA OPPONG PEPRAH

Femizide sind heute in Frankreich ein echtes soziales Problem, aber was ist mit anderen europäischen Ländern wie Deutschland oder Spanien?

Was ist ein Femizid?

Zunächst einmal: Was ist ein Femizid? Viele Menschen fragen immer noch nach der wahren Bedeutung dieses Wortes, das in der Medienlandschaft immer mehr Raum einnimmt. Und warum kann man nicht stattdessen das Wort „Mord“ verwenden? Das Wort Femizid wirft Fragen auf, und das ist sicherlich eine seiner Funktionen. Es hat nicht nur die Aufmerksamkeit auf seine Wurzel femina gelenkt, sondern stand auch im Mittelpunkt der Debatten, insbesondere im März 2020 mit dem Internationalen Tag der Frauenrechte am 8. März.

Femizid ist ein Wort, das aus dem englischen „feminicide“ übersetzt wird. Es wurde von zwei Feministinnen, Jill Radford und Diana Russell populär gemacht, die 1992 das Buch Femicide, The Politics of Woman Killing veröffentlichten. In Le Petit Robert trat das Wort erst 2015 in Erscheinung. Femizid ist die Tötung einer Frau oder eines Mädchens aus dem einzigen Grund, dass sie eine Frau ist. Der Mord kann von jedem und jeder begangen werden. Der Mörder ist also nicht unbedingt ein Mann. Ein Femizid ist also ein Mord an einer Frau, ebenso wie Kindermord ein Mord an einem Kind ist, usw.

„Obwohl sich die französische Regierung vor kurzem verpflichtet hat, das Grenelle-Forum über häusliche Gewalt zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen ins Leben zu rufen, hat der Begriff ‚Femizid‘ noch immer keinen Eingang in das Strafgesetzbuch gefunden“, so die UNO. Der Begriff scheint allmählich seinen Platz in der Alltagssprache zu finden, insbesondere in Studentenkreisen. Auf der anderen Seite scheinen die Medien immer noch den Ausdruck „Affekttat“ zu bevorzugen. Leider romantisiert dieser Ausdruck den Akt.

Nach Angaben der UNO wird es im Jahr 2017 weltweit wohl etwa 65.000 Frauenmorde gegeben haben. Genaue Daten sind fast unmöglich zu erhalten, da das Wort „Femizid“ nicht in allen Wörterbüchern oder Strafgesetzbüchern der Länder vorkommt. Daher werden nicht alle diese Verbrechen als solche aufgelistet. Laut UNO-Ranking scheint es in Frankreich im Jahr 2017 109 „eheliche“ Femizide gegeben zu haben. Zählt man unverheiratete Paare, so ergibt sich eine Zahl von rund 130 Femiziden. Im Jahr 2018 gab es 121 Opfer von Femiziden. Nach Angaben der feministischen Gruppe „Nous Toutes“ (Wir alle, Anm.d.Red.) gab es im Jahr 2019 151 Opfer von Femiziden. So ist zwischen 2018 und 2019 ein gewisser Anstieg zu beobachten. Aber in Wirklichkeit gibt es diese Studie über die Zahlen pro Jahr seit 2006. Zwischen 2007 und 2019 wurde ein allgemeiner Rückgang beobachtet. Dieser Rückgang besteht jedoch nur aus einer Variablen von 10 bis 15 Personen. Das Wort Femizid erhält so eine Bedeutung, die mit dem Paar oder Ex-Paar assoziiert wird, und ist nicht mehr nur der Mord an einer Frau aufgrund ihres Frau-Seins.

Femizid ist keine Debatte, die Frankreich vorbehalten ist, sondern hat sich in ganz Europa verbreitet. Wenn man die europäischen Länder miteinander vergleicht, kann man feststellen, dass Frankreich zu den Ländern mit dem niedrigsten Rang gehört. Es liegt in der Tat vor Deutschland auf dem vorletzten Platz.

Deutschland, ein europäisches Land mit erschreckenden Zahlen

Allein im Jahr 2017 gab es nach Eurostat-Daten 189 Fälle von Femizid in Deutschland. Deutschland ist das europäische Land mit der höchsten Rate an ermordeten Frauen, knapp vor Frankreich. Dennoch wird der Begriff „Femizid“, eine wörtliche Übersetzung von „féminicide“, in den deutschen Medien zunehmend verwendet. Dies spiegelt möglicherweise ein gewisses kollektives Bewusstsein wider.

Eine Beschwerde bleibt jedoch bestehen: der Platzmangel in den Unterkünften für die Opfer. Deutschland hat 2.000 Plätze mehr als Frankreich (insgesamt 7.000). Die Zentren sind jedoch ausgelastet und können keine neuen Menschen aufnehmen. Laut Christa Stolle, der Leiterin des Vereins Terre des femmes, die von France 2 interviewt wurde, „bleibt Deutschland ein sehr patriarchalisches Land“. Sie betont, dass Gewalt gegen Frauen oft mit ungleichem Status verbunden ist. In Deutschland sind viele Frauen nicht oder nur in Teilzeit erwerbstätig. In Frankreich hingegen ist die Zahl der berufstätigen Frauen höher.

Kürzlich hat Angela Merkel 35 Millionen Euro zur Finanzierung einer Aufklärungskampagne sowie von Unterkünften freigegeben. Es ist also eine positive Entwicklung in diesem Bereich zu erkennen, eine Investition der Regierung in das Problem und die Anerkennung der Gewalt als solche. Auch in den Medien nehmen Femizide einen wachsenden Platz ein.

In Deutschland werden außerdem neue Maßnahmen diskutiert, um die Strukturen an die Anforderungen anzupassen. Dennoch ist es schwierig, genaue Vorgehensweisen oder konkrete Gerichtsentscheidungen zur Bekämpfung von Femiziden zu finden.

Die Frage der Femizide in Spanien und der Fall Ana Orantes

Ein Land mit einem Trend zum Positiven, was die Zahl der Femizide betrifft, ist Spanien. Dieses Land gilt als Vorreiter im Kampf gegen Gewalt an Frauen. Im Jahr 2004 hatte das Thema Aufmerksamkeit erregt und war Gegenstand einer echten nationalen Debatte. Infolgedessen wurden 2008 gesetzliche Maßnahmen ergriffen, um das Phänomen der geschlechtsspezifischen Gewalt zu bekämpfen.

Der Grundstein der in Spanien entstandenen sozialen Bewegung gegen häusliche Gewalt geht auf das Jahr 1997 zurück. In einer lokalen Fernsehsendung in Andalusien wurde eine Frau in den Sechzigern eingeladen, die häusliche Gewalt anzuprangern, die sie rund 40 Jahre lang durch ihren Mann erlitten hatte. Die Frau, Ana Orantes, wurde weniger als zwei Wochen nach Ausstrahlung der Sendung ermordet in ihrem Garten aufgefunden. Ihr Mann hatte sie mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe verbrannt. Dieses tragische Ereignis wurde von der spanischen Bevölkerung wie ein Elektroschock für die spanische Bevölkerung erlebt.

                                                 

Im Jahr 2004 wurden in Spanien Sondergerichte eingerichtet, die sich ausschließlich mit Fällen häuslicher Gewalt von Männern gegen Frauen befassen. Vor diesen Gerichten geben Opfer und Angeklagte ihre Stellungnahme ab. Das Verfahren wurde geschaffen, um schnell handeln zu können. Wenn die Beweise gegen den Angeklagten als ausreichend erachtet werden, findet innerhalb von vierzehn Tagen ein Prozess statt. Dauert die Anhörung lange oder wird sie verschoben, wird der Angeklagte in Untersuchungshaft genommen.

Wenn die Beweise belastend sind, ist es möglich, vor dem Prozess eine gemeinsame Basis zu finden. Der Angeklagte kann sich dann schuldig bekennen und sein Strafmaß reduzieren lassen. Dennoch bleibt das Opfer geschützt. In der Tat werden Verbote eingeführt, um den Kontakt mit dem Opfer durch einstweilige Verfügungen zu verhindern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es nicht zwangsläufig das Opfer sein muss, das gegen den Angeklagten vorgeht. Die Person muss nicht wirklich selbst eine Strafanzeige gegen den Täter erstatten, damit ein Prozess stattfinden kann. Es ist der Staat, der gegen den Angeklagten vorgeht. Dies ermöglicht einen besseren Schutz der Opfer, da sie sich aus Angst vor Repressalien oft nicht trauen oder es sich nicht leisten können, eine Klage einzureichen.

Dieses System wurde, obwohl schon lange gefordert, erst kürzlich in Frankreich eingeführt. Das Problem bestand darin, dass der Gewalttäter nicht strafrechtlich verfolgt werden konnte, solange die Frau keine Beschwerde einreichte. Aber wenn ein Staat eingreift, hat dies rechtliche Auswirkungen, auch wenn das Opfer keine Strafanzeige stellt.

Die Strafe in Spanien ist eine Gefängnisstrafe oder gemeinnützige Arbeit. Auch die Behandlung in den Medien hat sich geändert, um diesen Frauen, die Gewalt erleiden und ihr Leben verlieren, mehr Bedeutung beizumessen. In den Zeitungen zum Beispiel haben solche Fakten, die traditionell unter „Dies & Das“ standen, jetzt ihre eigene Schlagzeile, ihren eigenen Platz.

Es ist also eine deutliche Verbesserung festzustellen, die auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist. Dazu gehören die bereits erwähnten Spezialgerichte oder Hilfsmittel für Frauen mit gewalttätigen Partnern, wie einstweilige Verfügungen und elektronische Armbänder. Darüber hinaus wurden 10.000 Spezialtelefone für Notfälle eingerichtet. Im Gegensatz dazu gibt es in Frankreich nur 3.000 ähnliche Telefone. Man kann also sagen oder zumindest denken, dass es politische Entscheidungen, genauer gesagt legislative Entscheidungen sind, die es ermöglichen, die gegenwärtige Situation in Bezug auf häusliche Gewalt zu verbessern. Schließlich gibt Spanien jährlich 200 Millionen Euro für die Bekämpfung von Femiziden aus. Frankreich seinerseits stellt dafür nur ein Budget von 79 Millionen Euro zur Verfügung.

Ich hatte auch die Gelegenheit, eine junge Spanierin zu interviewen, die in Frankreich gelebt hatte. Sie gab mir ihre Gefühle zum Thema Femizide preis und wie Spanien und Frankreich mit dieser Krise umgehen.

Interview mit Paula, spanische Studentin in Frankreich

Ana Orantes 1997: Tod und Debatten, die in deiner frühen Kindheit stattgefunden haben, aber hast du damals davon gehört? Wie war der Medieneffekt, wie konnte er eine Rolle spielen?

„Ja, ich habe von diesem Fall gehört. In Spanien ist die Geschichte bekannt, die über das Problem der häuslichen Gewalt eines Besseren belehrt hat. Die Geschichte ist traurig, aber es ist der großen Medienberichterstattung über ihren Fall zu verdanken, dass man sich des Ernstes des Problems in Spanien bewusst geworden ist.“

Hast du einen Unterschied in der medialen Behandlung des Themas zwischen Frankreich und Spanien gespürt? Und im öffentlichen Diskurs (zwischen Menschen, Studierenden usw.)?

„Als ich vor 5 oder 6 Jahren nach Frankreich kam, war die Idee des Feminismus nach meinem Empfinden nicht sehr populär. Es war schwierig, sich als Feminist*in zu bezeichnen, weil die Leute dazu neigten, das negativ zu verstehen. In Spanien war es im Gegenteil sogar in meinem Freundeskreis verpönt, sich nicht als Feminist*in zu bezeichnen. Was die Femizide betraf, so hatte mich das sehr schockiert, denn in Spanien wurde, seit ich ein kleines Mädchen war, im Fernsehen oder in den Nachrichten, immer dann, wenn eine Frau durch die Hand eines männlichen Aggressors starb oder wenn es sich um sexistische Gewalt handelte, Mord als Macho-Gewalt gewertet und die Medien sprachen sofort darüber. Jeder kennt die Zahlen. Während dies in Frankreich nicht der Fall ist. Dies hat sich vielleicht erst ab 2019 geändert. Ich habe meine Nachforschungen angestellt und festgestellt, dass es in Frankreich tatsächlich keine genauen Zahlen über Femizide gibt.

Es werden schon Studien durchgeführt, aber nicht sehr viele und sie zählen nur die Frauenmorde, die von ihrem Ehepartner und Ex-Ehepartner begangen wurden, nicht aber die restlichen. Ich persönlich habe verstanden, dass die Menschen in Frankreich kein Bedürfnis nach Feminismus verspürten, weil die Gewalt nicht sichtbar war. Ich glaube, das war in Spanien vor der Ermordung von Frau Orantes, die du in der ersten Frage erwähntest, in gewisser Weise der Fall. Die Menschen waren sich der Gewalt nicht bewusst, sie hielten diese Anti-Femizid-Gesetze nicht für notwendig. Sie waren sich der Realität und der Gestalt von Gewalt und Femiziden nicht bewusst. Wir müssen hier über Femizide sprechen, nicht über häusliche Gewalt. Aus der Sicht der Medien erinnere ich mich auch daran, dass in den französischen Medien nicht über solche Gewalt gesprochen wurde. In Spanien hörten wir die ganze Zeit davon.

Nachdem ich daran teilgenommen habe, stelle ich auch fest, dass die Zahl der Demonstranten bei den Veranstaltungen am 8. März in spanischen Städten viel höher ist als in französischen Städten, was nach wie vor ein maßgeblicher Faktor ist. Für mich bleibt dies das wichtigste Thema: Die Menschen, die Studenten, stellen sich keine Fragen, wenn die Medien und die Regierung nicht darüber sprechen. Wenn wir nicht über große Probleme wie Femizide sprechen, warum brauchen wir dann den Feminismus? Erst vor kurzem hat man begonnen, darüber zu sprechen und erkennen, dass es Gewalt gibt. In Frankreich schweigt der Diskurs, es gibt keine wirkliche Diskussion über das Thema, auch nicht unter Frauen. Es besteht ein echtes Bedürfnis nach Redefreiheit, damit sich die Opfer nicht allein fühlen und sich nicht als Einzelfälle betrachten. Das ist der Unterschied zu Spanien, den ich sehe: Man spricht über Gewalt und wird sich ihrer bewusst.“

In Spanien wurden seit den 2000er Gesetze verabschiedet, um das Problem der Femizide anzugehen und die Zahl der Frauen, die jedes Jahr sterben, ist von 76 im Jahr 2008 auf 47 im Jahr 2018 zurückgegangen. Bist du der Meinung, dass es der beste Weg ist, Gesetze walten zu lassen, um dem Problem zu begegnen? Wenn ja, warum?

„Ich denke, die Gesetzgebung ist wichtig, aber wir müssen auch aufklären! Es ist wichtig, mit den jüngeren Leuten darüber zu sprechen. Femizide in Spanien sind nicht verschwunden, und ich denke, dass Bildung der Schlüssel zu einer weiteren Reduzierung der Gewaltfälle sein wird. Aber es ist nicht nur die Ausbildung junger Menschen, auch die Ausbildung der Polizisten, die Beschwerden entgegennehmen, ist wichtig. Sie müssen wissen, wie sie reagieren und intervenieren müssen, wenn sie mit Fällen häuslicher Gewalt konfrontiert werden. Und gleichberechtigt die Bildung aller Akteure, die Frauen umgeben, wenn sie Strafanzeigen stellen. Ich glaube, dass dies in Spanien bereits der Fall ist, aber es muss noch weiter verbessert werden.“

Eine Theorie besagt, dass die Zahl der Gewalt gegen Frauen oder Männer oder der sexuellen Übergriffe zunimmt, weil die Menschen die Freiheit haben, ihre Meinung zu sagen, so dass die Statistiken nicht die Realität widerspiegeln. Was hältst du davon?

„Ich bestreite diese Theorie vollständig. Die Statistiken in Frankreich sind nicht real, weil sie die Realität der Femizide nicht berücksichtigen. Sie können sich zum Beispiel das Archivmaterial der INA-Gruppe ansehen, wo Journalisten in den 1970er Jahren Männer fragten, ob sie ihre Frauen geschlagen hätten, und viele von ihnen – damals, weil es keine Schande war – dies zugaben. Heute ist es verpönt und die Menschen schweigen, aber das bedeutet nicht, dass die Gewalt verschwunden ist. Die Zahl hat sich wahrscheinlich nicht verändert, aber jetzt ist sie offensichtlich und sieht aus wie ein Gletscher: Da ist der aufgetauchte Teil des Problems, aber es gibt immer noch einen komplett untergetauchten, verborgenen Teil, den wir nicht sehen und über den wir nicht sprechen.“

„Auch Frauen finden, wenn sie sehen, dass andere Frauen darüber sprechen, den Mut, ebenfalls den Mund aufzumachen. Wenn wir im Fernsehen Frauen sehen, die darüber sprechen, Frauen, die bekannt, stark und in der Lage sind, sich vorwärts zu bewegen, sagen wir uns, dass auch wir es schaffen können. In einem Punkt stimme ich zu, und zwar, dass Statistiken nicht die Realität widerspiegeln. Ich glaube, wenn wir in Frankreich anfangen, die Zahlen zu nehmen, die wirklichen Zahlen, dann wird das viele Leute erschrecken. Und wenn sich die Art und Weise, in der Frauen Beschwerden vorbringen können, ändert und zugänglicher wird, wird auch das einen großen Unterschied machen. Natürlich gibt es, wie überall, schlechte Menschen, die eine Klage einreichen könnten, nur um ihre Ehemänner, etc. zu „ärgern“, aber die Zahl ist immer noch sehr gering.“

Und schließlich, hältst du die Haftstrafe für angemessen?

„Ich denke, das Problem bei dieser Frage ist für mich, dass ich keine definitive Meinung habe. Da gibt es eine Menge zu beurteilen. Sollten wir auf Integrations- und Umerziehungskurse für Männer drängen, die wegen Gewalt oder Frauenmordes verurteilt wurden? Ich denke schon. Welchen Sinn hat sonst ein Gefängnis? Aber auf der anderen Seite ist es kompliziert für Familien, die diese Menschen nicht mehr auf der Straße sehen wollen … Die Frage ist sehr umfangreich und verdient ein eigenes Thema!“

 

Die aktuelle Situation

Das COVID-19-Virus hat die Quarantäne in vielen Ländern zur Pflicht gemacht. Angesichts dieser Situation ist in feministischen und häuslichen Gewaltgruppen eine Besorgnis aufgekommen: die der Opfer, die mit ihrem/ihren Folterer(n) eingesperrt sind.

In jüngster Zeit ist die Zahl der Helplines wie „3919“, der Notrufstelle für Gewalt, um 30% zurückgegangen. Auf den ersten Blick scheint das Problem zu verblassen. Aber im Gegenteil, die Aufrufe gehen zurück, weil die Opfer wegen der Ausgangssperre nicht mehr das Risiko eingehen können, sich zu äußern. In der Tat wurde in den französischen Medien über einen Anstieg der häuslichen Gewalt um 30 % berichtet.

Obwohl der Lockdown in Kraft ist, ist es diesen Opfern oder potenziellen Opfern von Gewalt natürlich nicht verboten, aus ihrer Heimat zu fliehen. Nichtsdestotrotz bleibt das Problem angesichts mangelnder Unterkünften dasselbe: Wohin soll man gehen? Die Gruppe „Collages féminicides Paris“ hat unter anderem die Regierung aufgefordert, das Abhörgerät 3919 „Violences Femmes info“ zu verstärken. Dieses System, das seit dem 1. Januar 2014 in Kraft ist, ist bei einem Festnetzanschluss kostenlos. Sie forderte auch zusätzliche Plätze in Aufnahmezentren sowie die Übernahme der Kosten für etwaige Hotelübernachtungen dieser Gewaltopfer. Der Begriff „Femizid“ taucht im französischen Strafgesetzbuch bisher nicht auf.

Während des Lockdowns wurde eine Schutzanordnung eingeführt, um Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt sind, zu unterstützen. Diese einstweilige Verfügung ist ohne anhängende Klage erhältlich und wird von einem Familienrichter unterzeichnet. Sie ermöglicht die Abschiebung des gewalttätigen Ehepartners, indem ein neuer Ort der Quarantäne festgelegt wird. Es ist auch möglich, die Verfügung online zu beantragen. Der effektivste Weg ist jedoch die Kontaktaufnahme mit einer Vereinigung, die Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, unterstützt, wie z.B. Solidarité Femme oder Le Planning familial (Familienplanung, Anm.d.Red).

Stand heute sind in Frankreich seit dem 1. Januar 2020 bereits 33 Frauen gestorben (Daten aktualisiert am 6. Mai 2020).

In Deutschland ist seit November 2019 eine Petition im Umlauf, die die Regierung dazu bringen soll, auf die beunruhigende Statistik zu reagieren, die alle drei Tage einen Todesfall aufzeigt: „Stoppt das Töten von Frauen #saveXX“. Das Wort „Femizid“ ist in Deutschland immer noch nicht ganz anerkannt. Mit einer Studie wäre es möglich gewesen, nachzuweisen, dass es 2019 251 Femizide gegeben hätte. Deutsche Polizisten klassifizieren Gewalt jedoch nicht nach diesem Motiv. Es könnte daher darauf hindeuten, dass es tatsächlich noch viele weitere gab.

Die Gruppen fordern die Anwendung der Istanbuler Konvention, die einem internationalen Vertrag des Europarates ist. Dieses Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt wurde 2011 ratifiziert. Es wurde 2018 von 46 Staaten sowie der Europäischen Union unterzeichnet. Dieses Übereinkommen zielt darauf ab, alle Formen von Gewalt gegen Frauen zu beseitigen. Dazu gehören häusliche Gewalt und Femizide im Allgemeinen. Diese Konvention ist für die Unterzeichnerstaaten rechtsverbindlich. Insbesondere bietet sie einen umfassenden Rechtsrahmen zur Verhütung von Gewalt, zum Schutz der Opfer und zur Beendigung der Straflosigkeit für Gewalttäter. Sie fordert auch die Einrichtung eines Hilfs- und Warnsystems für Frauen während der Ausgangssperre. Tatsächlich besteht nach wie vor ein gravierender Mangel an Plätzen in Frauenhäusern für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind (ca. 15.000 Plätze fehlen).

Spanien war das erste Land, das auf die Möglichkeit erhöhter häuslicher Gewalt während des Lockdowns reagierte. Insbesondere die Regierung der Kanarischen Inseln war am aufgeschlossensten. Mitte März wurde ein Warnsystem namens „Mascarilla-19“ eingerichtet. Sie brauchen in der Tat nur in der Apotheke um eine „Mascarilla-19“, wörtlich übersetzt „Atemschutzmaske-19“, zu bitten. Es handelt sich eigentlich um einen Geheimcode, der bewirkt, dass der Apotheker oder die Apothekerin sofort die 112 anruft, die Notfallnummer in solchen Gewaltsituationen.

                                                   

Diese Kampagne wurde schnell in den sozialen Netzwerken verbreitet. Es wurde dann auf die Regionen Madrid und Valencia ausgedehnt. Aber diese Kampagne hatte auch ein internationales Echo. In Frankreich ließ sich der Innenminister von Spanien inspirieren, ein Warnsystem in den Apotheken einzurichten und das Eingreifen der Polizei zu ermöglichen.

Kontaktnummern im Falle von Gewalt:

39 19 „Violences Femmes infos“ für alle Arten von Gewalt: häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Zwangsheiraten, weibliche Genitalverstümmelung, Gewalt am Arbeitsplatz: anonym, Gratisnummer aus dem Fest- oder Mobilfunknetz im französischen Mutterland, Anschluss montags bis freitags von 9 bis 22 Uhr und samstags und sonntags und an Feiertagen von 9 bis 18 Uhr erreichbar.

0 800 05 95 95 „SOS Viols Femmes Informations“: anonym, kostenlos aus dem Festnetz von Montag bis Freitag von 10.00 bis 19.00 Uhr.

119 „Allô enfance en danger“: kostenlos, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche erreichbar.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Regierung: https://www.gouvernement.fr/,

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