Des bottes militaires dans le Tibesti, au nord du Tchad. CC0 Public Domain.

Tschad: Modell einer Scheinstabilität?

ÜBERSETZT VON THERESA KROH UND ELENA PINKWART

Die Wiederwahl des Präsidenten Déby in seine fünfte Amtszeit an die Spitze des Tschads scheint Ausdruck von Stabilität für ein Land zu sein, das sich eingeschlossen in einem von politischen Unruhen gekennzeichneten Gebiet befindet. Aber zahlreiche Probleme, die sich ungleichmäßig über die einzelnen Regionen des Tschads verteilen, bedrohen weiterhin diese Stabilität.

Im April 2016 wurde Idriss Déby zum 5. Mal an die Spitze des Tschads gewählt. Bei einer Wahlbeteiligung von über 75% könnte diese Wahl als ein wirklicher Erfolg bezeichnet werden. Der hervorgegangene Präsident erhielt nach dem ersten Wahlgang 61,56% aller Stimmen, in der vorherigen Wahl hingegen waren es noch 88%. Er wird nun mindestens für die nächsten 5 Jahre Staatschef bleiben.

Die Ergebnisse waren umstritten, Proteste und Einwände wurden aber sehr schnell ausgelöscht. Seit der Gründung des Staates vor 60 Jahren gab es lediglich 4 Präsidenten. Keiner von ihnen kann sich damit rühmen, eine demokratische Regierung hervorgebracht zu haben. Im Gegenteil, alle Präsidenten stützten sich auf eine starke Militärstruktur, die besonders in Anbetracht der Sicherheitslage zu seinen Nachbarländern Niger, Libyen, Nigeria, Kamerun, Zentralafrika, Sudan und Südsudan an Aktualität gewinnt.

Eine Stütze für den Okzident

Der Tschad weiß sich bis heute auf internationaler Bühne als ein stabiles Land in Szene zu setzen. Das Land war eine Säule, auf die sich der Okzident stützen konnte, um die Region zu stabilisieren, vor allem im Kampf gegen Boko Haram. Seit der UN-Intervention in Mali fühlen sich die landeseigenen Truppen so gut aufgestellt, dass das Hauptquartier der französischen Operation Bakhane [kämpft gegen das Salafistennetzwerk, Anm. der Redaktion] in die Hauptstadt Ndjamena verlagert wurde.

Dieses Bild einer Kontinentalmacht verdeckt die katastrophale Wirtschaftssituation des Landes. Der Fall des Ölpreises beschädigte den wirtschaftlichen Aufschwung, der seit der Ausbeutung der Erdölvorkommen im Jahre 2003 bestand. 2015 wurde der Tschad vom HDI als drittschwächstes Land eingestuft. Das wirtschaftliche Geflecht des Landes basiert hauptsächlich auf Landwirtschaft, dessen Sektor 55% des BIP ausmacht und 80% Beschäftige, ausgehend von der Gesamtbevölkerung, zählt. Mit Ausnahme der Viehwirtschaft und des Gummiarabikums handelt es sich hauptsächlich um Subsistenzwirtschaft, die der Selbstversorgung des Landes dient.

Seit mehr als einem Jahrhundert suchten zahlreiche Hungersnöte den Tschad heim, was dem Land seinen Spitznamen „Totes Herz Afrikas“ gab. Heute haben diese Hungersnöte ihren Ursprung in den großen Rebellionsbewegungen oder den geringen Niederschlägen. Hinzu kommen die katastrophalen Entscheidungen in der Landwirtschaft aus den Jahren 2009/10 sowie 2011/12, die besonders in der Saharazone des Landes Schäden anrichteten.

Die von den NGOs verlassenen Gebiete

Die Instabilität der Nachbarländer bleibt nicht ohne Konsequenzen auf das Land selbst. Seit 10 Jahren nimmt der Tschad eine wachsende Zahl Flüchtlinge auf, die vorwiegend aus dem Sudan und Zentralafrika stammen. Ende 2015 wurden von der UNHCR 500 000 geflüchtete Personen aus den Nachbarländern des Tschads gezählt. Die regionale Situation ist somit nicht aus dem geopolitischen Plan des Landes wegzudenken, sodass der Tschad ein Zielland für humanitäre Institutionen bleibt. Die Kapitalgeber beharren dabei immer stärker darauf, die Entwicklungshilfe in erster Linie auf den Kampf gegen Terrorismus und Flüchtlingsströme zu konzentrieren.

Besonders die Grenzregionen zu Zentralafrika, Nigeria und dem Sudan sind von dem Flüchtlingsstrom betroffen, sie trifft jedoch nicht zwangsweise auch eine Lebensmittelknappheit. Die Regionen im Inland hingegen werden von den Hilfsorganisationen verlassen, obwohl dort der Bedarf an Unterstützung viel wichtiger wäre. Kapitalgeber und Medien sehen jedoch die Priorität nicht dort. Wenn die Aufnahme der Flüchtlinge dringend nötig wird, riskiert diese willkürlich gesetzte Begrenzung von prioritären Territorien eine Marginalisierung der ohnehin bereits schon strukturell schwach geprägten Gebiete.

Bildnachweis Banner: Militärstiefel im Tibesti-Gebirge im nördlichen Tschad. CCO Public Domain.

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