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USA: Ein Veteran des Afghanistankrieges kommt auf seine Erfahrung zurück (1/2)

übersetzt von Flavie Laurent

Am 31. Dezember 2014, nach 13 Jahren währenden Auseinandersetzungen, beendet die NATO ihren Einsatz in Afghanistan und überträgt der afghanischen Armee die Nachfolge. Circa 90.000 Leute sind während des Afghanistankrieges gestorben, darunter 2.356 amerikanische Soldaten. Ein Krieg, der weniger bekannt geworden ist als die Kämpfe im Irak, aber ebenso aus dem „Krieg gegen den Terror“ der Bushregierung entstandenen ist . Seinen Ursprung hatte der Krieg in der Reaktion auf die Terroranschläge am 11. September 2001. Obwohl Gegner oder Opfer den Krieg oft bezeugt haben, haben nur wenige Soldaten über das Thema geredet. Sean, 31, studiert Geografie im dritten Jahr an der Universität von Oregon. Er kommt zurück auf seine Erfahrung als Veteran des Krieges in Afghanistan, wo er sich zwischen 2006 und 2007 aufhielt. Gespräch.

Le Journal International: Welche Rolle hattest du in der Armee?

Sean: Ich war in der Infanterie, ein einfacher E-4 (Grad eines Soldaten), nichts Außergewöhnliches. Für eine Weile war ich Teamleiter, aber ich gehörte vor allem zur Kampfgruppe. Ein Kerl mit einer Waffe. In diesem Zusammenhang hat man viele verschiedene Rollen. Zum Beispiel transportieren einige die Öffnungswerkzeuge (die man verwendet, um Türen einzuschlagen), andere tragen Sprengstoffe und wieder andere beschäftigen sich mit dem Medizinpack, und so weiter. Ich war der Grenadier. In groben Umrissen trug ich eine Menge Munition für Granatwerfer bei mir. Für eine Weile beschäftigte ich mich auch mit einem Radio. Ich bin auch Lkw gefahren.

JI: Warum hast du beschlossen, dorthin zu fliegen?

Sean: Meine Familie hat eine militärische Tradition, die aus der Revolution stammt. Deshalb habe ich mir immer vorgenommen, mich zu verpflichten. Ich versprach meiner Mutter, dass ich ein Jahr lang an der Universität studieren würde. Daher habe ich ein Jahr erfolgreich studiert und sobald ich damit fertig war, habe ich mich schnellstens verpflichtet und bin an die Front gegangen. Zu dieser Zeit geschah das im Irak sowie in Afghanistan. Dann spürte ich etwas, wie eine Verpflichtung. Ich habe gegen den Krieg im Irak protestiert bevor ich mich verpflichtete, aber was ich dachte, war egal. Ich war nur ein Vollidiot mit einer Armee Plakette. Und sich bequem zurecklehnen und sagen das sollte man nicht tun ist nutzlos. Während ein Gewehr zu nehmen und dorthin zu fliegen, sein Bestes zu tun, um ein guter amerikanischer Soldat zu sein, einen guten Job zu machen, ist etwas Anderes. So landete ich in Afghanistan und nicht im Irak. Das passte mir perfekt. Zweimal meldete ich mich freiwillig, um im Irak zu kämpfen, aber damals konnte ich nicht loslegen.

JI: Warum nicht?

Sean: Als ich mich freiwillig meldete, wurden nur Luftlandetruppen-Mitglieder (die Typen, die aus Flugzeugen springen) gesucht, und das konnte ich nicht tun.

JI: Zum Thema deiner Erfahrung in Afghanistan, wie war dein Alltag dort als amerikanischer Soldat?

Sean: Nun ja, das ist schwer, denn jeder Tag ist unterschiedlich. Ende des Winters 2006, als wir zum ersten Mal dort angekommen sind, führten wir nur einigen Arten von Missionen durch, weil wir das Gebiet gerade entdeckt hatten. Und danach, als der Frühling kam, fing die sogenannte „Jahreszeit des Kämpfens“ an, und dann kann man gewaltig mehr Dinge tun. Wir standen auf, wir frühstückten, wir duschten, wir rasierten uns. Wir sollten uns jeden Tag rasieren. Das klingt widersinnig, aber diese Regel ist sehr beliebt, und das ist verständlich. Danach gingen wir normalerweise auf eine Mission. Man brauchte humanitäre Hilfe irgendwo. Das ist das sogenanntes „MEDCAPs“, das medizinisches Hilfsprogramm für Zivilisten (Medical Civilian Assistance Programs) bedeutet. Im Großen und Ganzen kommst du daher; du baust ein kleines Feldlazarett auf, zu dem die Dorfbewohner gehen können. All das ist großartig, das ist gut; ich bin stolz darauf. Aber der Grund dafür war, dass man versuchte, zu kämpfen. Weil jedes Mal, wenn du die Basis verlässt, wirst du eine Zielscheibe für einen Hinterhalt. Und das ist genau, was wir versuchten, sie herauszulocken, sodass sie uns befeuern und wir sie wieder befeuern können. Es gab also die humanitären Dinge, das war das zu erfüllendes Ziel des Tages. Aber es gab dieses großmaßstäblichere Ding, nämlich der Versuch, einen Kampf zu starten. So haben wir es im Frühling, im Sommer und dann im Herbst getan. Sobald der Schnee kommt, kann man nicht mehr viel tun. Dann ist es anders. Wenn du in der FOB (Forward Operating Base) steckengeblieben bist, versuchst du, dich zu unterhalten, so gut du kannst. Wir haben Sachen in Brand gesteckt… blöde Dinge getan. Wir hatten Internetzugang über Satellit, um mit unserem Vertrauten zu Hause zu sprechen, so das machten wir, und wir schliefen…nSo war das, wenn man Missionen von der Basis aus tat. Und alle zwei Wochen tauschte man mit dem Beobachtungsposten. Die Beobachtungsposten waren nur Bunker aus Sandsäcken auf einem Hügel, und man schlief auf dem Boden oder in einem Auto… Und das ist ganz anders, weil diese Posten ziemlich regelmäßig angegriffen wurden. Und dann musste man kämpfen, unabhängig von der Zahl der Angreifer; es wurde ziemlich intensiv und mehrmals wurde man fast besiegt. Es konnte so kalt sein.

JI: Wirklich? Jedoch, man könnte eher annehmen, dass Afghanistan ein heißes Land ist.

Sean: Ja, nun, die Sache über die Wüste… Hast du schon Zeit in der Wüste verbracht?

Sean schwingt die amerikanische Fahne in Afghanistan

Sean schwingt die amerikanische Fahne in Afghanistan

JI: Niemals.

Sean: (Lachen) Niemals? Du solltest es einmal versuchen. Es ist wirklich heiß während des Tages, aber der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht ist erstaunlich! Manchmal bis zu 50 Grad (10 Celsius Grad). Dann bist du im Winter auf sechs Tausend Fuß über dem Meeresspiegel (circa 1800 Meter); an einigen Tagen überschreitet die Temperatur nicht null; es gibt überall Schnee. Einmal landete ich mitten in einem Schneesturm; ich schaute durch diese Art Zielgerät, das wir hatten, und meine Handschuhe sind sofort auf dem Fernrohrgriff festgefroren. So musste ich meine Handschuhe darauf zurücklassen, und die Leute, die das Zielgerät benutzen wollten, steckten ihre Hände in meine Handschuhe. Am nächsten Tag musste ich sie abschmelzen. Es war verdammt kalt.

JI: Wurdet ihr oft von Taliban angegriffen?

Sean: Ja, sie kamen etwa einmal pro Monat an den OP (operation posts). Sie brachten jedes Mal möglichst viele Menschen mit. Es war 2006, als die Taliban zurückkamen und versuchten, die Leute davon zu überzeugen, dass sie eine amerikanische Einheit in einer Schießerei von Angesicht zu Angesicht schlagen können. So kamen sie zu uns, hundert, zweihundert Kerle auf einmal. Wie auch immer, wir begnügten uns damit, sie zurückzudrängen. Es wurde generell immer der Kommandant des Angriffs getötet, und die Taliban mussten warten, bis ein anderer kam und sagte: Wir können die Amerikaner schlagen und ich weiß wie, ich werde es Ihnen zeigen. Sammeln Sie Ihre Waffen und folgen Sie mir! Sie kamen zurück und sie wurden erneut erschossen.

JI: Die durchschnittlichen Afghanen, die „nicht Taliban“, waren sie feindlich oder freundlichen zu euch?

Sean: Siehst du, nun wird es kompliziert. Der durchschnittliche Afghane versucht nur, seinen verdammten Tag lebendig zu beenden. Die Amerikaner kommen in ihr Dorf und stellen ihnen einige Fragen: Wenn Sie uns unterstützen, sagen Sie uns, wo die Taliban sind, und wenn es Ihnen egal ist, werden wir Ihnen Hilfgüter geben und die Dorfbewohner sagen: Ok, ich werde dir ein wenig sagen, aber nicht alles, was ich weiß“. Denn sobald die Amerikaner weg sind, kreuzten die Taliban auf und sagen: Was zum Teufel hast du den Amerikanern verpetzt? Und sie töteten die Dorfbewohner und verbrennen die Dörfer. Also spielt der durchschnittliche Afghane ein doppeltes Spiel: Er muss versuchen, mit uns zu arbeiten, aber er muss auch ein bisschen mit diesen Typen zusammenarbeiten. Er ist in einer sehr schwierigen Situation in Bezug auf den Krieg zwischen den Amerikanern und den Taliban.

JI: Hast du dich mit einigen von ihnen angefreundet? Oder wurde dir gesagt, es zu vermeiden? Denn jeden Tag könntet ihr irgendjemand verlieren…

Sean: Wegen der Sprachbarriere haben wir diese Möglichkeit nicht wirklich. Es gibt nur einen Dolmetscher pro Dorf und deshalb nicht viele Gelegenheiten zu sprechen. Jedoch konnten wir mit den Kindern spielen, und sie waren im Allgemeinen großartig. Sie kannten die Wörter „Füller“ und „Bonbons“ und sie konnten dir immer mehr „Bonbons, Bonbons“ abbetteln. So taten wir das in der Regel. Der Führer, unser Chef oder die Person, die mit uns kam, sprach mit den Alten des Dorfes. Wir blieben in der Nähe, wir warteten ab, ob es Böse gab und wir spielten mit den Kindern. Wir verstanden uns ziemlich mit einigen von ihnen. Zum Beispiel mit dem tauben Mädchen, dessen Geschichte ich dir erzählt habe. Ich war nicht so freundlich, wie die anderen sein konnten. Nicht, dass ich Kinder nicht mag; ich liebe Kinder, ich weiß nicht… Mein Onkel hat im Vietnamkrieg gekämpft; er ging dreimal als Schütze auf Tour. Und die Vietcongs benutzten Kinder. Sie gaben einem Kind eine Granate, zog den Stift heraus und sagten nimm das und gib es einem Amerikaner. Und dann kamen sie und sagten „Hey, schau mal, Amerikaner! Dann flog der Schalthebel der Granate weg und jeder wurde getötet. So hatte ich das immer im Hinterkopf (ich bin mit diesen Geschichten aufgewaschen) jedes Mal, wenn man Fußball spielte oder eine andere Dummheit machte. Ich weiß nicht, ich war ein bisschen unruhig.  Die Typen, mit denen man jeden Tag zusammnarbeitete, waren afghanische Sicherheitskräfte, die von den früheren US-Spezialeinheiten ausgebildet worden waren, und sie waren großartig. Man hat viele von ihnen kennengelernt, und die Mehrheit sprach Englisch. Super Jungs. Jedes Mal wenn einer von ihnen starb, war ich wirklich traurig, weil wir enge Arbeitsbeziehungen hatten.

JI: Kannst du mir noch einmal die Geschichte des tauben Mädchens erzählen?

Sean: Ja, natürlich. Es gab ein kleines Mädchen, das in einem Dorf direkt auf unserer Route lebte. So gingst du vorbei, hieltest an und sagtest: „Hallo, hier ein wenig Reis“, oder etwas anderes. Wir hatten diesen Ort kennengelernt, denn der Dorfälteste war sehr nett zu uns, und das Dorf lag nicht weit von der Basis. Das kleine Mädchen war anders als all die anderen, weil sie taub war. Sie lief herum, tat alles, was sie wollte. Es machte Spaß, mit ihr zu spielen. Ich hatte ein Frisbee, das ich den Kindern zuwarf und sie mir zurückschickten, und so weiter. Manchmal spielte sie mit dem Frisbee, aber sie hat es nie wirklich kapiert. Sie konnte es auffangen, und ich versuchte ihr anzudeuten, dass sie es mir zurückschicken sollte. Aber sie ließ es nur fallen und lief fort. Und damals – ich glaube, dass sie etwa 10 war – kamen die Taliban und sagten: Sie muss den Schleier tragen. Sie konnte es einfach nicht begreifen, sie verstand nicht. Niemand wusste wirklich, wie man mit ihr kommunizieren konnte; es gibt keine afghanische Gebärdensprache oder so etwas. Schließlich wurde sie enthauptet, weil sie sich nicht an das islamische Gesetz hielt. Das ist unglaublich niederträchtig. Was für einen Mangel an Mitgefühl, ein dummes kleines Buch über ein verdammtes Menschenleben zu stellen. Und versteh mich nicht falsch, weder verurteile ich den Koran noch möchte ich ihn im Vergleich zur Bibel herabwürdigen. Vielmehr betrachte ich mich als einen Atheisten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch nur wegen eines Buchs getötet werden kann.

JI: Glaubst du, dass dieses Mädchen wirklich verstand, was passierte?

Sean: Ich glaube nicht. Ich weiß nicht, wie gut diese Kinder verstehen, was passiert. Und vor allem, wie ich schon gesagt habe, vermeiden es die Taliban, die Dörfer anzugreifen, weil das nicht gut für sie ist. Hier sind wir, wir verteilen Nahrungsmittel, und sie befeuern uns. Das ist keine gute PR für die Taliban. Deshalb denke ich, dass die Kinder sehr selten die direkten Auswirkungen des Krieges sehen. Einmal gab es einen Zwischenfall, als jemand versuchte, eine IED (Improvised Explosive Device – unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung) zu begraben. Der Kerl ist explodiert (Lachen). Ich sollte nicht lachen, aber das ist komisch. Er versuchte, die IED zu begraben und er explodierte; und das ist in einem Dorf passiert. Ich meine, das ist dumm, warum hat er das getan? Aber was können wir dagegen tun?

JI: Hatten die Kinder dieser Dörfer die Möglichkeit, die Schule zu besuchen?

Sean: Wir haben eine Schule für sie gebaut. Sie wurde zwei Mal gebaut, weil sie einmal weggesprengt wurde. Ich weiß nicht, ob sie noch einmal gesprengt wurde, aber sie war noch in gutem Zustand, als ich weggegangen bin. Und es gab nur eine Schule. Du weißt, was ich meine: Dieses Dorf war der größte Ballungsraum unserer Region. Außer dieser Region haben hunderte Kinder, sogar tausende, nicht diese Möglichkeit. Wenn ja, sie lernen den Koran, nicht wirklich eine Kindersache. Aber gleichzeitig wird die Mehrheit von ihnen Maisproduzent werden, wie ihr Vater vorher. Ich weiß nicht, es ist schwer zu sagen. Hier ist die „Entwicklung“ wichtig. In der Tat möchten wir bessere Möglichkeiten haben, aber bessere Möglichkeiten für was? Von wem? Warum? Es gibt ein Henne-Ei-Problem zwischen der Ausbildung und der Wirtschaft. Wer unterhält wen? Ich denke, ein bestimmtes Bildungsniveau bringt eine bestimmte Wirtschaftsentwicklung hervor. Aber ich glaube auch, dass eine bestimmte Wirtschaftsentwicklung notwendig ist, bevor die Ausbildung eine positive Auswirkung haben kann.

Sean in Afghanistan

Sean in Afghanistan

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