Karamlech. Crédit Charles Loriquet.

Reise in den befreiten Irak

ÜBERSETZT VON ADINA HEIDENREICH UND ELENA PINKWART

Die Christen aus Mossul und der Nineve-Ebene sind zu Tausenden ins Exil in die Autonome Region Kurdistan gegangen, insbesondere in die Hauptstadt Erbil. Dort leben sie zwischen kurdischen, christlichen und schiitischen Milizen und den Streitkräften des Präsidenten. Joseph Buchet, der sie getroffen hat, sprach mit dem Journal International. Wie gestaltet sich der Wiederaufbau in einer Landschaft, die von der Kluft der Religionen und den Narben des Krieges gezeichnet ist?

Joseph hat sich in Begleitung seiner Familie nach Erbil begeben. Es war schon fast eine Initiationsreise, denn seine Emotionen dabei schienen groß zu sein. Kaum, dass er angekommen ist, bemerkt er die sehr sichtbaren Sicherheitsmaßnahmen.

Er schildert uns seine Eindrücke: „Bei der Ankunft im Flughafen von Erbil ist die Sicherheit sehr präsent. Sie ist im Vergleich zu französischen Flughäfen extrem verstärkt, sie machen hier keine Späße damit.“ Er konkretisiert: „Erstaunlicherweise habe ich keinen besonderen Druck gespürt, als ich dort ankam. […] Man hat den Eindruck, dass das Drama, das sich hier abgespielt hat, hinter ihnen [den Irakern, Anm. d. Autors] liegt, obwohl es noch nicht lang her ist. Man hat das Gefühl, sie versuchen wirklich, die Hoffnung in ihre Zukunft zurückzugewinnen und voranzuschreiten.“

„Christen und Kurden fühlen sich verbunden, sie erleben eine ähnliche Segregation.“

Teleskof. Crédit Charles Loriquet.

Foto: Teleskof. Nachweis: Charles Loriquet.

Dieser Eindruck folgt ihm vom Flughafen bis tief in die Nineve-Ebene hinein. Es ist der Eindruck von der Charakterstärke von Menschen, die den Horror erlebt haben und doch die Stärke besaßen, zu bleiben; der, die weiter sehen können, den Wiederaufbau ihrer Leben und ihres Landes überdenken. Er bleibt fasziniert von der Freude am Leben und den Festen, die diese Familien, ihrer Wurzeln entzogen, beibehalten haben. Die große christliche Osterfeier war, unter anderem, eine Gelegenheit, neue Hoffnung zu gewinnen.

„Die Christen werden dort nicht als richtige Iraker anerkannt, deshalb fühlen sie sich den Kurden nah, die eine ähnliche Segregation erleben.

Teleskof. Crédit Charles Loriquet.

Foto: Teleskof. Nachweis: Charles Loriquet.

Die Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, sind zahlreich, vor allem in den Köpfen. Seit der amerikanischen Invasion des Iraks ist die Lage der Christen instabil. Damals wurden sie mit dem Westen assoziiert, die Bevölkerung hat sich innerhalb von nur 10 Jahren von 1.000.000 auf 500.000 halbiert. Jenseits der Religionskluft haben die Christen feste Wurzeln im Irak. Das hat viele unter ihnen dazu motiviert, das Land trotz der Schwierigkeiten nicht zu verlassen.

Historisch gesehen gehört diese Minderheit den wohlhabenden Klassen an, vor allem in Mossul. Ein großer Teil der Unternehmen der Stadt wurde von Mitgliedern der christlichen Minderheitengemeinschaft geführt. In der Folge wurde vielen Christen der Großteil ihres Hab und Guts, ihrer Lebensgewohnheiten und ihres Bodens genommen. Heute versuchen sie, sich das alles wieder anzueignen.

Mossul, ein „sehr spezieller“ Fall

Joseph bezeugt: „Der Fall Mossul ist sehr speziell. Die Christen haben keine Hoffnung mehr in Bezug auf ihr Leben dort. Deshalb wollen sie nicht dorthin zurückkehren.“ Seit der Eroberung durch den Islamischen Staat (IS) im Juli 2014 ist die Entwurzelung für die christliche Bevölkerung, die einst in der Stadt präsent war, komplett. Die Christen befanden sich in Lebensgefahr, wurden teilweise von den eigenen Nachbarn angegangen.

„Ich habe einen Priester getroffen, der in Mossul lebte. Einer seiner muslimischen Nachbarn war gut mit ihm befreundet, doch mit der Ankunft des IS hat sich alles geändert. Von heute auf morgen hat der Freund seine Schlüssel verlangt und erklärt, ‘hier wohne ich, du bist nicht mehr willkommen, geh’. Die Gewalt gegen Minderheiten ist unglaublich in Mossul. Das ist einer der Gründe, warum die vielen Christen nicht dorthin zurückkehren wollen. Die Bevölkerung würde sie nicht mehr auf dieselbe Art aufnehmen.“

Alquosh. Tombe du prophète Naoum. Crédit Charles Loriquet.

Foto: Alquosh. Grab des Propheten Nahum. Nachweis: Charles Loriquet.

Die muslimische Bevölkerung hat, freiwillig oder gezwungener Maßen, an dieser Säuberung der Straßen von Christen und anderen Minderheiten teilgenommen. Sie hat sich die Stadt ohne Christen zurückerobert. Eine Quelle aus dem Parlament meint, dass die christlichen und andere religiöse Minderheiten notwendig für das Gleichgewicht zwischen Schiiten und Sunniten seien. Joseph hat einen jungen Christen getroffen. Er hat ihn über die Beziehungen mit den Muslimen seines Alters befragt: „Er sagte mir, dass er muslimische Freunde hat, und dass die vergangenen und aktuellen Ereignisse ihre Freundschaft nicht verändert haben.“

Versöhnung für den Wiederaufbau

Die Angst vor den Anderen bleibt, trotz der Form des Zusammenlebens, die sich in den letzten Jahrzehnten gebildet hat und der geknüpften Verbindungen. Bei den Älteren scheint sich der Dialog schwierig zu gestalten. Es herrscht Misstrauen. Viele haben es als Verrat empfunden, dass einige von ihren Freunden im Stich gelassen wurden, als sie verfolgt wurden. Viele Geschichten spielen sich in diesem Sinne ab:

„Die ins Exil Gegangenen beschreiben, dass die Christen im Irak von den Menschen vertrieben wurden, mit denen sie freundschaftliche Beziehungen gepflegt hatten. Einige haben ihnen am Vortag noch die Hand gereicht und sie am nächsten Tag mit derselben Hand fortgejagt.“

Joseph spricht entschieden, wenn es um die Möglichkeit eines Wiederaufbaus geht: Er muss sich mit „einer Versöhnung und einem gegenseitigen Entschuldigen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften abspielen.“ Auch gilt es, den visionäre Geist zu bewahren, der ermöglicht, dass diese Völker seit Tausenden von Jahren die Zeiten überdauerten und einen kulturellen Reichtum erschufen.

„Vom Westen im Stich gelassen“

Laut Joseph befürchten die christlichen Bevölkerungsteile, in Vergessenheit zu geraten. Er meint, dass es die Aufgabe des Westens ist, sie zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten, um das Land wiederaufzubauen. Sie sollen unter seinem wohlwollenden Blick stehen und nicht im Stich gelassen werden. „Bis zum nächsten Mal“, so Joseph.

Teleskof. Crédit Charles Loriquet.

Foto: Teleskof. Nachweis: Charles Loriquet.

„Sie wollen nicht, dass all die Bemühungen umsonst sind und später in Vergessenheit geraten.“

Es muss noch Vieles getan werden in dem politisch und sozial instabilen Land. Die Spannungen sind sowohl religiöser als auch politischer Natur und vor allem zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der Regierung in Erbil zu spüren, wenn es um Kirkuk geht. Die Region ist vor allem kurdisch und steht unter Einfluss von Erbil, obwohl sie außerhalb Kurdistans liegt. Insbesondere gibt es hier einige Ölfelder.

In Karakosch, der „toten Stadt“, in der Nineve-Ebene, sind die Kirchenglocken zur Hälfte zerstört. Bald werden sie von Neuem erklingen, wenn die Familien sich wieder hier ansiedeln. Davor wird es einen Wendepunkt für die Stabilität der Region geben.

Qaraqosh. Crédit Charles Loriquet.

Foto: Karakosch. Nachweis: Charles Loriquet.

Bannerfoto: Karamlash. Nachweis: Charles Loriquet.

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