Die Smart City in Zeiten von COVID-19

Translated by Claudia Oppong Peprah

Man fantasiert viel über das Konzept der „intelligenten Stadt“. Von Moderne Zeiten bis Minority Report, um nur einige der Filme zu nennen, die durch die Filmgeschichte geisterten: Die „Smart City“ ist und bleibt ein interessantes Thema. Aber was bedeutet das in der Realität und welche Auswirkung/en hat die Gesundheitskrise auf dieses Stadtmodell gehabt?

Das Konzept der „Smart City“ bzw. der „intelligenten Stadt“ versteht sich als Aushängeschild technologischer Innovation. Es möchte unseren Alltag in den verschiedensten Bereichen revolutionieren, vor allem in energetischer Hinsicht. Heute versuchen viele Städte, wie z.B. Stockholm oder Rio de Janeiro, sich auf Basis dieses Modells zu entwickeln.

Was genau ist eine „Smart City“?

Der Nationalen Kommission für Informatik und Freiheiten (CNIL) zufolge, ist die intelligente Stadt ein neues Konzept der Stadtentwicklung, das danach strebt, „die Lebensqualität der Stadtbewohner zu verbessern und die Stadt, mit Hilfe eines Ökosystems aus Objekten und Diensten, anpassungsfähiger und effizienter zu machen.“ Sein breites Spektrum umfasst vor allem die öffentlichen Infrastruktureinrichtungen (Gebäude, öffentliche Freiräume), die Versorgungsnetzwerke (Wasser, Strom, Gas, Telefon), das Transportwesen (öffentlicher Verkehr, intelligente Straßen und Fahrzeuge, Carsharing, Langsamverkehr wie Fahrrad- oder Fußverkehr) bis hin zu E-Services und E-Administration. Nach Rudolf Giffinger kann man die intelligenten Städte an sechs Hauptmerkmalen erkennen: „intelligente Wirtschaft“, „intelligente Mobilität“, „intelligentes Umfeld“, „intelligente Bürger“, „intelligente Lebensweise“ und „intelligente Verwaltung“. (GIFFINGER Rudolf, Smart cities – Ranking of European medium-sized cities, Centre of Regional Science, 2007).

Der Zweck einer Smart City besteht also in der Optimierung der Kosten, der Organisation und des Wohlergehens der Bewohner mittels Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), insbesondere über Sensoren und vernetzte Objekte.

Woher stammt das Konzept?

Das Konzept ist nicht neu. Ab 1990 hat Gabriel Dupuy, ein französischer Hochschuldozent, der für seine Arbeiten über Transportnetze und Kommunikation in Verbindung mit Urbanisierung und Raumplanung bekannt ist, über die „Computerisierung der Städte“ in Bezug auf effiziente Nutzung und integrierte Informations- und Kommunikationstechnologien gesprochen. (DUPUY Gabriel, L’informatisation des villes, Que sais-je ?, Éditions PUF, 1992). Erst Bill Clinton ist es zu verdanken, dass die westliche Welt 2005 damit begann, den Begriff „Smart Cities“ zu gebrauchen. Seiner Ansicht nach waren die Städte bereits intelligent, mussten in Zukunft aber nachhaltiger werden. Er machte John Chambers, Präsident von Cisco, Ausrüster digitaler Netzwerke, den Vorschlag, die eingesetzten technologischen Mittel dazu zu nutzen, die Städte damit gleichzeitig auch nachhaltig zu machen. Trotz alledem sind und bleiben die asiatischen Metropolen die Pioniere auf diesem Gebiet, so zum Beispiel Singapur. Seit 1980 befinden sich die neuen Technologien bereits im Herzen dieses aufmüpfigen und futuristischen Stadt-Staates.

(Bild von Gerd Altmann)

Wo befinden sie sich heute?

Südkorea und die Vereinigten Arabischen Emirate sind heute wahre „Vernetzungslabore“. In der südkoreanischen Stadt Incheon stellt das Viertel Songdo eines der teuersten und anspruchsvollsten Projekte dar, das die letzten Jahre an Smart Cities zu bieten hatten. Die Gebäude sind alle in hohem Maße computerisiert. Zusätzlich zu den Überwachungskameras kann man mit Kfz-Kennzeichen-Scannern den Zugang zu den Parkplätzen kontrollieren und die Bewohner auf ihren Spuren live mitverfolgen. Außerdem verfügen die Straßen über Sensoren und Systeme, mit denen sich der Verkehr regeln und der Energieverbrauch anpassen lässt.

In Europa nimmt das Konzept der intelligenten Stadt eine andere Form an, da die europäischen Städte den technologischen Fortschritt auf ihre kulturellen und landesspezifischen Besonderheiten konzentrieren wollten. So wurden 2014 in Barcelona zahlreiche Straßenlampen mit LED ausgestattet, um den Energieverbrauch zu verringern, und in deren unmittelbarer Nähe Sensoren installiert, die Fußgänger erkennen können, so dass dies im Bereich der städtischen Beleuchtung zu einer Energieersparnis von 30% geführt hat.

Eine Stadtvision nicht ohne jegliche Kritik

Heute steht die intelligente Stadt am Pranger. Das Problem ist, dass sie eine Stadt geworden ist, die „immer mehr“ will: immer mehr Sensoren, immer mehr Energie … Ihr Energieverbrauch ist nicht unerheblich. Smartphones, Server, alles, was zur Erfassung und Speicherung von Daten beiträgt, macht fast 10% des weltweiten Verbrauchs aus und
erhöht sich ständig weiter, trotz des Versprechens, die Treibhausgase ließen sich durch die Digitalisierung reduzieren. Auch ist erwiesenen, dass sie unsere persönlichen Daten sammeln. Einige NGOs, wie z.B. Privacy Internationale, sprechen von einer schweren Verletzung der Privatsphäre und nominierten die Smart Cities sogar für die „Big Brother Awards“ 2017. Nach Meinung von Valérie Peugeot, Mitglied der CNIL, entwickelt sich die intelligente Stadt zu einer „Stadt mit vielen Geschwindigkeiten“, und riskiert dadurch, neue Ungleichheiten zu Tage zu fördern.

Letztendlich, wie Carlos Moreno es ausdrückte, französisch-kolumbianischer Wissenschaftler und Universitätsprofessor, der auf intelligente Steuerung komplexer Systeme spezialisiert ist: „Die Smart City hat den Wunsch hervorgebracht, technologische Lösungen einfach mit copy & paste (zu Deutsch: kopieren und einfügen) zu übernehmen, wie das berühmte Monitoring-Zentrum in Rio de Janeiro zeigt. […] Heute, zehn Jahre später, verkörpert es nur noch den peinlichen Misserfolg. Tatsächlich könnte „die Stadt“ nicht existieren, wenn wir die „ortsspezifischen“ Besonderheiten außen vor ließen, durch die und mit denen sich die Menschen verändern, ohne die komplexen Zusammenhänge zwischen Datenfluss, Objekten und Systemen zu verstehen, seien sie administrativer, technologischer oder anderweitiger Natur. (MORENO Carlos, Droit de cité : De la « ville-monde » à la « ville du quart d’heure », L’ observatoire Eds De, Paris, 2020, pp. 20-21).

Die Smart City und die Gesundheitskrise

Die Smart City trug also bis vor kurzem noch ihren Teil dazu bei, wenn es darum ging, welche technischen Neuerungen vorrangig in den Alltag eines Stadtgebietes zu integrieren sind. Aber die globale Pandemie hat neue Prioritäten gesetzt. Viele Tech-Giganten haben jetzt beschlossen, nicht weiter in die intelligente Stadt zu investieren. Im Mai 2020 hat Google das Projekt seiner Tochterfirma Sidewalk Labs auf Eis gelegt, das mit dem Bau eines intelligenten futuristischen Stadtquartiers in Toronto beauftragt war. Am 4. Januar 2021 war Cisco an der Reihe, das Handtuch zu werfen. Das Unternehmen hatte 2017 „Cisco Kinetic for Cities“ mit einem Investment von fast einer Milliarde Dollar ins Leben gerufen, um IoT-Lösungen für Stadtverwaltungen anzubieten. Obwohl die Firma die bereits bestehenden Partnerschaften fortsetzen und die Entwicklung der sich im Implementierungsprozess befindlichen Lösungen abschließen will, hat sie verlauten lassen, dass sie ihre Aktivitäten auf den Bereich Cybersecurity (Computer- und Netzsicherheit) neu ausgerichtet hat. Die zentrale Frage ist, ob sich die Investitionen langfristig lohnen und da einheitliche Lösungen fehlen, gestaltet sich die Einführung in den Städten zunehmend komplizierter. Durch die Gesundheitskrise wurden offensichtlich viele Investitionen in diesem Bereich verschoben oder komplett gestrichen.

Gerade jetzt, wo sich die Städte neu erfinden müssen, scheint man die Projekte der „Smart City“ bzw. der „intelligenten Stadt“ zu vernachlässigen und gleichzeitig dem Stadtmodell in dem wir leben wollen, neue Erkenntnisse und Ideen aufzuzwingen.

 

Foto von Tumisu

Das könnte sie auch Interessieren