“Kapitalismus ist Krieg” – leeres Schlagwort oder reine Wahrheit?

Übersetzt von Claudia Oppong Peprah

Kapitalismus ist Krieg” führt die ebenso offenkundige Feststellung mit sich, dass der Krieg bereits weit vor dem Kapitalismus existierte. Wie Jaime Torres Bodet richtig sagte: „Kriege entstehen im Geiste des Menschen“ und „der Frieden ist, gleichsam wie der Krieg, in erster Linie ein Bewusstseinszustand.“[1] So wie Kapitalismus Krieg ist, so ist Religion Krieg und auch Nationalismus Krieg. Aber lesen wir auch St. Thomas [von Aquin]: „Ein gerechter Krieg lässt sich vielleicht beschreiben wie ein Gebein, das sich für die Ungerechtigkeiten rächt“; sich von einer Besatzungsmacht zu befreien oder von der Kolonisation, zwingt ein Volk in den Krieg.

Der Krieg ist Realität, aber ist die Behauptung „Kapitalismus ist Krieg“ nur eine leere Phrase oder eine Tatsache? Der Wille und die Bereitschaft, die Macht zu behaupten, sind ein fundamentales Element des Krieges, die Mechanismen, die Logik, die Zwecke, die Gründe und die Unvernunft aber, die zum Krieg führen, sind in der Antike, im Mittelalter bzw. im zwischenstaatlichen System des Kapitalismus jeweils verschieden. Einfacher ausgedrückt, in der Antike eroberte ein vergötterter Herrscher Länder, Güter und Sklaven und danach die Götter, in der Blüte des Mittelalters entschied Gott über den Krieg. Die Renaissance kennzeichnet die Phase des ritterlichen Krieges und der „Condottieri“ [zu Deutsch: Söldnerführer], als die von den Banken finanzierten Söldnerarmeen für die Kriege der Päpste, Könige und Kaiser ihren Anfang nahmen, Armeen, die später auch dazu dienten, die Aufstände der Bauern zu unterdrücken. „Nicht nur der Hundertjährige Krieg, sondern auch die Kolonisierung Nord- und Südamerikas wurden zu einem Großteil mit Kapital aus italienischem Handel finanziert“[2] Aus der Französischen Revolution wurde die Nationale Volksarmee geboren, die die Wehrpflicht ausrief, während Clausewitz in diesem Zusammenhang, im Kontext des napoleonischen Krieges, den „absoluten Krieg“ definierte. In der Phase des industriellen Kapitalismus vereinfachte sich die koloniale Eroberung der Welt mit dem Übergang – im Namen der Zivilisation und des Fortschritts – von Handelsposten und Sklavenhandel zur kolonialen Phase des Landbesitzes, der Unterdrückung der Ureinwohner und der Ausbeutung von Land und Bodenschätzen, Verleugnung des anderen, durch Krieg.

Der reale Kapitalismus wurde von Fabien Scheidler hervorragend so definiert: „Eine Wirtschaft, die endloses Wachstum anstrebt, ohne dass ihr jemals das Geld ausgeht; Nationalstaaten, die mit zentralen Militär-, Polizei- und Verwaltungsapparaten ausgestattet sind und eine Ideologie, die die Verbreitung des Systems wie eine Mission der Vorsehung in der Geschichte der Menschheit darstellt.“[3] Es sind Mechanismen, Logik, Zwecke, Gründe, Unvernunft, die die Grundlage für Jaurès Urteil bilden: „Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich, wie die Wolke das Gewitter.“

Die Realität hat sich 1914 auf tragische Weise bestätigt, aber zeigt der gegenwärtige Verlauf der Geschichte auch, dass Jaurès Urteil Bestand hat? Man wird nicht müde zu wiederholen, dass Westeuropa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine lange „Friedensperiode“ erlebt hat. Dabei lässt man außer Acht, dass die Völker der Dritten Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Entkolonialisierung und die Kollateralwirkung der Ost-West-Konfrontation, der imperialistischen Kriege und die Gewalt der Unterdrückung erlebten. Mit der Wende der 90er Jahre begann die Vorherrschaft der westlichen Welt mit den Vereinigten Staaten als dominierender Macht. Zwischen den Mächten, aus denen sie besteht, gibt es keine großartig gegensätzlichen Widersprüche mehr und zur Verteidigung ihrer Interessen und Profite hat sie ein mächtiges Militärbündnis, die NATO. Der Kapitalismus, in seiner Hegemonie, verbreitet dann die Illusion „vom Ende der Geschichte“, und George W. Bush Sr., Präsident der größten Wirtschafts- und Militärmacht, die die Welt je gesehen hat, proklamiert: „Wir befinden uns heute in einer außerordentlichen und außergewöhnlichen Zeit … in der eine neue Weltordnung entstehen kann … Eine Ära, in der alle Länder der Welt, ob im Osten oder Westen, im Norden oder Süden, gedeihen und in Harmonie leben können … Eine völlig andere Welt, als die, die wir kennen. Eine Welt, in der Rechtstaatlichkeit das Gesetz des Jungels ersetzt. Eine Welt, in der die Staaten die gemeinsame Verantwortung für die Gewährleistung von Freiheit und Gerechtigkeit anerkennen. Eine Welt, in der die Starken die Rechte der Schwachen respektieren … Eine neue Ära, die weniger vom Terror bedroht ist, stärker auf der Suche nach Gerechtigkeit und sicherer auf der Suche nach Frieden.“[4] Was ist aus dieser angekündigten Welt des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit geworden? Die Natur des Kapitalismus machte aus ihr eine Welt der Kriege.

Kapitalismus ist Krieg, bestätigt sich durch die über dreißig Jahre andauernden militärischen Interventionen, die hegemonialen Ziele der Westmächte während des ersten Irak-Krieges, den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, den Kriegen im Kosovo und Serbien, den militärischen Interventionen in Somalia und dem Völkermord in Ruanda, den sogenannten „gerechten Kriegen“ in Afghanistan, im Irak und in Libyen, wie auch durch die Kluft zwischen den Konfliktgegnern in Syrien und der Sackgasse, in der sich die Sahelzone befindet. Kriege, die unter dem Deckmäntelchen des „Rechts auf humanitäre Intervention“ und somit der „Schutzverantwortung“ geführt wurden, Kriege, die Länder verwüstet und ihre Bevölkerung verstümmelt haben, Kriege, in denen sich Führer der Großmächte fake news bedienten, um sie zu rechtfertigen, durch Manipulation und Instrumentalisierung der UNO „legalisierte“ Kriege, die so ihre Gründungsmission zur Wahrung des Friedens missachteten, Kriege, in denen die NATO zum wiederholten Mal der bewaffnete Flügel war, Kriege, in denen sich unter Verstoß der Genfer Konventionen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angesammelt haben.

Nachdem die westlichen kapitalistischen Mächte keine Gegner mehr hatten, haben sie, anstatt eine Politik der Beschwichtigung zu betreiben, die die Widersprüche zwischen regionalen Mächten verringert hätten, wenn religiöse, ethnische, kulturelle und historische Spannungen die Bevölkerung entzweiten, Maßnahmen in Form internationaler Koalitionen ergriffen, um, im Rahmen der NATO, militärische Gewalt und damit die Natur des Kapitalismus zu demonstrieren, seine Hegemonie immer wieder zu festigen, die neoliberale wirtschaftliche Globalisierung auszuweiten, die Kontrolle der Handelswege sicherzustellen und seine Vision von Demokratie durchzusetzen.

Aber das Kräfteverhältnis zwischen den Hauptmächten ist in seiner Entwicklung seit dem Ende des 20. Jahrhunderts immer schneller vorangeschritten. Die Neue Weltordnung, die, nach dem Untergang der internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg verkündet wurde, hat nur eine Generation gehalten. Wenngleich all diese Kriege durch ein Missverhältnis der beteiligten Streitkräfte militärisch entschieden wurden – wobei der Guerillakrieg selbst für die mächtigsten Armeen eine Falle bleibt – wurde nirgends Frieden hergestellt. Damit geht die Zeit zu Ende, in der die Kolonialmächte nur das Schwert ergreifen mussten, um ihren „Frieden“ durchzusetzen.

Die tiefgreifenden Veränderungen im Kräfteverhältnis zwischen den historischen und den aufstrebenden Mächten, die Verlagerung des Schwerpunkts internationaler Spannungen vom euro-atlantischen in den asiatisch-pazifischen Raum, die drohende Gefahr von Gefechten zwischen schwerbewaffneten regionalen Mächten und die Ausweitung der Kampfzone zwischen den Großmächten auf den Weltraum stellt potenzielle Konflikte heute nicht mehr in einen Rahmen asymmetrischer Kriege, sondern kennzeichnet eine Rückkehr zu hochintensiven zwischenstaatlichen Kriegen, eine Realität, der wir uns hegemonial voll und ganz bewusst sein müssen, in einer kapitalistischen, hart umkämpften Welt, die von sozialen und wirtschaftlichen, ethischen und religiösen, gesundheitlichen und politischen Krisen durchzogen ist, und in der aufgrund der Spannungen die westliche Herrschaft umstritten ist.

Kapitalismus ist Krieg” ist in der Gegenwart zu verstehen und es gibt keine anderen Kräfte, sich dem zu widersetzen, als die der Völker.  

NILS ANDERSSON Ehemaliger Herausgeber, Essayist. Autor von Le capitalisme c’est la guerre, Éditions Terrasses, 2021, 151 p., 11,50 €

 

Quellen

[1] Discours du 10 décembre 1948 de Jaime Torres Bodet, directeur général de l’UNESCO, in Chloé Maurel, Les grands discours de l’UNESCO. 2021.

[2] Fabien Scheidler, La fin de la mégamachine, Éditions du Seuil, 2020. Livre fondamental sur les structures de domination.

[3] Fabien Scheidler, op. cité.

[4] Discours devant le Congrès des États-Unis, le 11 septembre 1990.

 

 

Diese Kolumne wurde in redaktioneller Partnerschaft mit der Zeitschrift Recherches Internationales erstellt, in der viele Wissenschaftler und Forscher zusammenarbeiten und deren Analysebereich die Hauptthemen sind, die die Welt heute aufrütteln, die Herausforderungen der Globalisierung, die Solidaritätskämpfe, die verbunden sind und immer untrennbarer erscheinen, mit dem, was in jedem Land passiert.

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