Der Lobbyismus oder die Kunst, die Wissenschaft zu manipulieren

ÜBERSETZT VON SINA HÄUSLER UND CLAUDIA OPPONG PEPRAH

Manipuliert uns die Wissenschaft? Oder manipuliert vielmehr die Industrie die Wissenschaft? In einer Ermittlung zu den  „Monsanto Papers, lüftet die Wochenzeitung „Le Monde“ den Schleier der „Ghostwriter“. In Wirklichkeit ist es nur einer von unzähligen Tricks der Firmen, um Druck (Lobbyismus) auf die Wissenschaft auszuüben. Das Ende der Verschlüsselung.

Wenn sich „Wissenschaft“ auf „kommerzielle Interessen“ reimt

„Seit Jahren wird die Wissenschaft zur Zielscheibe, sobald sie die einflussreichen kommerziellen Interessen berührt.“ Im November 2016 hatten bereits an die 100 Forscher den Einfluss und die zweifelhafte Produktion der Industrie angeprangert. In einem öffentlichen Brief erklärten sie, die Arbeit der Forschung verhöhne den Klimawandel. Gleiches gelte auch für Studien bezüglich der Erforschung von Stoffen mit endokriner Wirkung. „Wer die Wissenschaft verleugnet, weil er von Industriegeldern finanziert wird, gibt wissenschaftliche Beweise verzerrt wieder, um absichtlich einen falschen Eindruck zu erwecken,“ so ihr Aufbegehren.

Die Suche nach wissenschaftlicher Objektivität bei dem gewichtigen Einfluss der großen Firmen ist ein konstanter Kampf, der übrigens bereits im Jahre 1950 unter dem Begriff „Kontroverse“ aufgetaucht ist. Seitdem haben die einflussreichen Personen aus Wirtschaft und Politik verstanden, dass die Wissenschaft in Frage gestellt werden muss. Erst kürzlich wurde der Lobbyismus mit den „Monsanto Papers“ entlarvt. Zur Erinnerung: eine einflussreiche, amerikanische Firma, die auf biotechnische Landwirtschaft spezialisiert ist, hat falsche Informationen über Glyphosat herausgegeben. Ein giftiges, krebserregendes Unkrautvernichtungsmittel mit dem Monsanto Gewinn machte. Ihr Trick war das „Gostwriting, bei dem Artikel von Mitarbeiter geschrieben und dann von Wissenschaftlern mit ihrer Unterschrift „abgesegnet“ werden. Diese Dienstleistung ist sehr gut bezahlt. Der Sinn und Zweck besteht darin, Informationen zur Toxizität von Glyphosat zu widerlegen.

Politischer Druck

Der Druck, der auf die Forscher ausgeübt wird, endet nicht mit den ausgefeilten Tricks der industriellen Großunternehmen. Er kann von jeder Art von Organisation, Industrie oder Individuum kommen, sobald deren guter Ruf oder deren wirtschaftliches Interesse in Gefahr ist. Auch Organisationen und politische Parteien scheuen sich nicht, diese Praktiken einzusetzen. Am 3. Oktober letzten Jahres wurde in Lyon, Frankreich, vom Präsidenten der Universität Lyon-2 eine Forschungsdebatte mit dem Titel „Der Kampf gegen die Islamophobie, eine Frage der Gleichberechtigung?“ abgelehnt. Man wollte damit zeigen, „dass das Phänomen, das die Gesellschaft beschäftigt, ebenfalls auf das soziale Leben an der Universität übertragen werden kann.“ Eine wissenschaftliche Recherche, die sehr gut in die heutige Zeit passt. Auf Druck der Printemps Républicain, einer linken Organisation „zur Förderung der religiösen Neutralität des Staates in der französischen Politik“ und der Rechtsextremen, musste die Universität darauf verzichten.

Offiziell waren Sicherheitsrisiken die Gründe für die Absage. In Wirklichkeit handelt es sich um eine regelrechte digitale (Verleumdungs-)Kampagne, in der die Forscher der Universität als „Islamisten“ dargestellt wurden. Nach Aussage von Médiapart sind für Lila Belkacem, Konferenzleiterin bei ESPE de Créteil, „viele Forscher, die die sozialen Gesetze hinterfragen, solchen Angriffen ausgesetzt.“

Unglaubliche Situationslage

Auf der anderen Seite des Atlantik sind es nicht die Politiker, die den Lobbyismus ausüben, sondern vielmehr die, die darunter leiden. Beim Schusswechsel, vom 1. Oktober letzten Jahres in Las Vegas, gab es 59 Tote und 530 Verletzte. Dies hat die endlose Waffen-Debatte in den USA wieder von neuem angefacht. Am 4. Oktober hat die New York Times die Geldsumme veröffentlicht, die republikanische Abgeordnete beim Kongress der NRA (National Rifle Association) kassierten. Der Verband der Waffenträger ist auch einer der wichtigsten Lobbyisten, der für die Waffenerlaubnis in den Vereinten Staaten eintritt.

Die Abgeordneten haben ihre Solidarität mit den Opfern via Twitter geteilt. Sie sind aber diejenigen, die die meisten Gelder der NRA erhalten haben – und da liegt der Hase im Pfeffer. Eine Situation, die nicht unpassender sein könnte. Es ist nicht ihr Ziel, Gesetzte zu befürworten, die eine stärkere Kontrolle von Schusswaffen fordern. Seit 1996 blockiert die Organisation auch die staatliche Finanzierung für medizinische Untersuchungen bei Verletzungen durch Schusswaffen. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe!

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